Der nachhaltige Einsatz Hengelbrocks für geistliche Werke des zu Unrecht vernachlässigten Opernkomponisten Antonio Lotti kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wie das Booklet verrät, sind Kopien der Lotti-Partitur bei Bach, Händel und Zelenka gefunden worden. Von letzterem stammt dann auch die hier eingespielte, so genannte "Dresdner Fassung" mit veränderten Bläserstimmen.
Bei dem Bachschen Es-dur-Magnificat BWV 243a hingegen handelt es sich um die weniger bekannte Urfassung aus 1723, die offensichtlich für eine Aufführung in der Weihnachtszeit gedacht war und daher vier äußerst reizvolle weihnachtliche Einlagesätze aufbietet. Für spätere Aufführungen reduzierte Bach sein Magnificat auf die Worte des Lobgesangs der Maria aus dem Lukas-Evangelium, nahm vereinzelt Uminstrumentierungen an den Bläserstimmen vor und transponierte das Werk in die gebräuchlichere Tonart D-dur.
Wie schon bei früheren Aufnahmen beweisen der Balthasar-Neumann-Chor und das gleichnamige Instrumental-Ensemble auch hier ihr feines Gespür für homogenes, schlank geführtes Musizieren auf höchstem Niveau. Nichts sticht unangenehm hervor, jede Stimme ordnet sich angemessen ein und lässt die Werke dadurch in unerhörter Transparenz leuchten. Dazu passt, dass sich die Gesangssolisten aus dem aus professionellen Sängern bestehenden Chor rekrutieren. Und entgegen der unbegründeten Warnung meines Mitrezensenten (Rezi vom Nov. 2003) kann ich nur sagen: Welch ein Glücksfall! Der Wechsel zwischen Soli und Tutti erfolgt absolut natürlich, unaffektiert und letztlich werkdienlich. Die durchaus namhaften Solisten sind ensemble-erprobt und an Alter Musik geschult. Alles opernhaft Aufgesetzte geht ihnen folglich ab, und so entsteht eine selten gehörte Geschlossenheit in Klang und Interpretation, die mich im Falle des Magnificats das oft strapazierte Attribut "Referenzeinspielung" nennen lässt.