Es zeugt von einer geistigen Größe, wenn man Menschen oder Ideen, die man liebt oder verehrt, mit Ironie betrachten kann. Thomas Mann hat zeit seines Lebens eine tiefe, innere Verbundenheit gegenüber Goethe empfunden, in einem früheren Essay sprach er von ihm als vom "ganz und gar gesunden, in eingeborener Sympathie mit dem Organischen (lebenden) Naturkind" (Goethe und Tolstoi). Ebenso wie Goethe wusste Thomas Mann um seine eigene Bedeutung als Künstler, beide sahen sich (im positiven Sinne) gewissermaßen als Repräsentanten der deutschen Kultur.
"Lotte in Weimar" ist das fiktive Nachspiel der "Leiden des jungen Werther": Charlotte Buff, geb. Kestner, besucht 50 Jahre nach dem Erscheinen des großen Briefromanes ihren alten Jugendfreund, der die ganze Sache allerdings eher etwas peinlich findet...Goethe selbst taucht dann erst relativ spät auf, im letzten Drittel des Buches, vorher steht er die meiste Zeit, gleichermaßen geliebt und gefürchtet, verborgen im Hintergrund: in den Darstellungen von Dr.Riemer, Adele Schopenhauer und "dem Sohn", August Goethe, die alle drei nacheinander, der inzwischen leicht genervten und erschöpften Charlotte ihre Aufwartung machen.
Die Sprache Thomas Manns in diesem Roman ist großartig und unnachahmlich, ich hatte während des lesens, bzw. hörens das Gefühl, "so könnte es gewesen sein", man kann die gründlichen Recherchen, die "Lotte in Weimar" zugrundelagen und die zu einer unglaublichen Sachkenntnis und Detailverliebtheit in dem Roman geführt haben, nur erahnen. (Das Buch ist daher, ganz nebenbei, ebenso eine überzeugende Einführung in die klassische Weimarer Geistesgeschichte.)
Die Darstellungen der einzelnen Personen ist ebenso sehr, sehr gelungen und originell, man denke z.b. an die sympathische Aufdringlichkeit des literarischen Enthusiasten Mager (dem Kellner des Gasthofes "Zum Elephanten").
Das 7. Kapitel, der Moment, wo Goethe zum ersten Mal erscheint, halte ich für ein kaum zu überbietendes und geniales literarisches Meisterwerk: Goethe erwacht in seinem Bett und es folgt ein etwa 15 Seiten langer Monolog, ein Bewusstseinsstrom: Assoziationen, Erinnerungen, Pläne, Gedanken an Schiller ("Der große rührende Narr der Freiheit...") und an Zwieback...
Diese künstlerische Schilderung des "stream of consciousness" hat mich persönlich mehr beeindruckt als das berühmte letzte Kapitel von Joyce' "Ulysses".
Gert Westphal ist wieder einmal ein hervorragender Vorleser, man merkt, wie sehr er mit der Sprache Thomas Manns (und der Goethes) verbunden ist, wie sehr er das liebt, was er liest.