Als ich 2005 den ersten Trailer zu Lost sah, vermutete ich eine klischeetriefende Einsame-Insel-Serie, beschloss jedoch spontan, trotzdem mal reinzuschauen. Was ich dann geboten bekam, verzauberte mich von der ersten Minute an und seitdem hat mich die Serie nicht ein einziges Mal enttäuscht. Lost ist die Krönung aller Fernsehabenteuer, die Serie hat nicht einen schwachen Moment, jede neue Folge ist ein Highlight und die Qualität lässt niemals nach, sondern es kommt sogar immer noch besser. Es gelingt nur in den seltensten Fällen, die Handlung vorherzusehen, da die Serie so gut wie gar nicht den üblichen Gesetzen einer Serie folgt. Es ist, als habe sich das Produktionsteam alle Serien der Welt angesehen, daraus gelernt und als Endprodukt diese perfekte Serie geschaffen. Ich möchte hier eigentlich keine Lobeshymnen trällern und tue dies für gewöhnlich auch nicht, doch in dem einen Fall ist es gerechtfertigt. Lost ist so spannend wie nichts, was ich bisher gesehen habe - und ich bin Vielseher - und die Mindfucks kommen dicht an dicht. In raffinierter Art und Weise wird man durch Kameraführung und Schnitt "gelenkt", meint zu wissen, was nun folgt. Doch ständig wird man ausgetrickst, die Serie steht über dem Zuschauer. Es ist alles so undurchschaubar und bis zur dritten Staffel weiß man so recht gar nicht, worum die Serie eigentlich geht.
Super interessant ist auch das Konzept der Flashbacks, dass man nämlich während jeder Folge zu je einer Figur mehr über ihre Hintergrundgeschichte erfährt. Das führt zum einen zu immer neuen Überraschungen. Unverstandene Handlungen ergeben plötzlich einen Sinn, vieles wird aber auch wieder verzerrt und mystifiziert. Die Charaktere gewinnen durch ihre Rückblenden ungemein an Sympathie und es ist wirklich jeder einzelne Rückblick spannend. Dass das System aufgeht, dass auch nach der 10. Rückblende alle Handlungen einer Figur von der ersten Episode an noch logisch und glaubwürdig sind, zeugt von der unheimlichen Genialität aller beteiligten Autoren. Jeder Flashback bringt und offenbart Geheimnisse, die jeweils auf die aktuelle (auf der Insel spielende) Szene Bezug nimmt.
Überhaupt ist die Bandbreite an Charakteren riesig und durchweg einmalig besetzt. Alle Figuren sind absolut glaubhaft dargestellt und wirkliche Hauptdarsteller gibt es kaum, weil fast sämtliche Protagonisten gleichermaßen wichtig sind. Das ist sehr erfrischend gegenüber anderen Serien, in denen man nur vier Fratzen zu sehen bekommt. Hier verbirgt sich dahinter ein riesiger Spielraum für die Autoren.
Genug der schönen Worte. Nun wird es konkret [SPOILER!]:
Die Story der zweiten Staffel dreht sich nicht mehr so sehr um das Überleben am Strand, sondern um das Geheimnis der Insel selbst. Es wird sehr deutlich, dass die Insel nicht unbewohnt ist und plötzlich steht man inmitten einer Station der sogenannten Dharma-Initiative, in der scheinbar das Ende der Welt aufgehalten wird. Während man sich jedoch zunächst noch an den Früchten der Zivilisation labt, bekommt man es schon bald mit den "Anderen" zu tun und dann wird auch noch jemand gefangen genommen, bei dem man nicht weiß, auf welcher Seite er eigentlich steht. Beim Betrachten der zweiten Staffel wird klar, wie unbedeutend dagegen die Probleme der ersten Staffel sind, genauso wie die zweite dann gegen die folgende wieder trivial wirkt. Die Staffel endet mit einem lauten Knall und ziemlich zerrütteten zwischencharakterlichen Beziehungen. Mehr will ich gar nicht verraten. Die zweite Staffel ist wie die erste so spannend, dass man es kaum aushält, nur jede Woche eine Folge sehen zu können. Der Montag wurde für mich immer zum Feiertag erklärt, ich habe jeder neuen Woche entgegengefiebert. Wenn Lost läuft, ist es ein ganz besonderes Gefühl: Man sieht keine Serie, sondern ein Stück Fernsehgeschichte.
Auf DVD liegt es natürlich nahe, die Staffel an zwei oder drei Abenden zu sehen, was der Serie natürlich viel von ihrer Mystik raubt, da man zwischen den einzelnen Folgen nicht eine Woche lang Zeit hat, die jeweils gelaufene Folge zu reflektieren, debattieren, sich die nächste Folge auszumalen und sich dann wieder der Hirn lynchen zu lassen. Ich kann daher nur jedem empfehlen, nach dem Genuss einer Folge diese einen Tag wirken zu lassen, wenngleich das eine sehr hohe Forderung ist. Hinterher wird man aber glücklich sein, die Staffel nicht in zwei Tagen aufgebraucht zu haben.
Als Extra gibt es unter anderem einen sehr coolen Schicksalsbaum, der Verknüpfungen zwischen Protagonisten preisgibt, die man womöglich gar nicht alle bemerkt hat. Die Menüführung ist zwar eine der kranksten in der Geschichte der DVD-Menüs, aber das ist es wert.
Zuletzt muss ich noch den Soundtrack der Serie loben. Lost kommt mit sehr wenig Musik aus und diese ist dann auch meist noch sehr unkonventionell gestaltet. Oftmals reichen Klangteppiche, atmosphärische Geräusche oder einfach stampfende Trommeln, um den Geist der Serie perfekt zu unterstreichen und ihr die gewisse Authentität zu verleihen. Markant sind auch die dramatischen Blechbläser-Slides, die einem die Mindfucks durch die Ohren direkt ins Gehirn posaunen, doch am Bewegendsten sind die traurigen Titel, bei denen man sich schon die Tränen zurückhalten muss. Jede Komponente der Serie ist stimmig, vom Intro bis hin zu den Lost-Spielen. Was Lost da angefangen hat, wird in 30 Jahren zur Populärkultur gehören, da bin ich ganz sicher.
Ich kann die Serie absolut jedem empfehlen, der auch nur irgendwie das nötige Kleingeld zusammenkratzen kann!
(Tipp: In etwa vergleichbare Serie --> Prison Break)