"Lost" ist ein Mythos! Man mag es, oder man mag es nicht. Wenn man es mag, packt es einen in der ersten halben Stunde, und lässt einen bis zum Ende nicht mehr los. Denn "Lost" hat nicht nur die komplexesten Serienstrukturen, die ich kenne, sondern auch den allerhöchsten Suchtfaktor seit Erfindung des Cliffhangers.
Dabei ist "Lost" das einzige Genre-Crossover, das wirklich gelungen ist. Ein raffinierter Mix aus Abenteuer, Love-Story, Phantasy, Mystery, Comedy, Drama, Action, Thriller, Soap, etc. etc., ohne peinlich oder aufgesetzt zu wirken.
In "Lost" werden menschliche Spannungsfelder wie u. a. Einsamkeit und Egoismus, Vertrauen und Verrat, Gemeinschaftssinn und Soziopathie, Verfolgung und Erlösung, Liebe und Angst, Wissenschaft und Glaube, Mystik und Skepsis, Schicksal und Zufall, u.v.m. in einem philosophischen Biotop wie unter Laborbedingungen als Konglomerat antiker Mythologien im Zugriff auf den Menschen der Postmoderne seziert und auf die Spitze getrieben.
Es gibt so viel zu entdecken, so viele Details, so viele Verknüpfungen und Querverweise. "Lost" ist ein kleines Universum, ein Mikrokosmos, der über weite Strecken in seiner Rätselhaftigkeit bis zum großen Finale konsequent ist.
Damit nicht genug!
Außerdem ist "Lost" ganz großes Ensemble-Kino, bei dem selbst die kleinsten Rollen keine Nebenrollen sind. Alle Figuren entwickeln sich samt und sonders in mehreren verschachtelten Handlungsbögen über 6 Staffeln einerseits stringent, andererseits überraschend, jenseits von Gut-Böse-Klischees, aber immer spektakulär. Wirklich jede Figur ist spannend, und sogar der widerlichste Giftzwerg der Fernsehgeschichte ist liebenswürdig gezeichnet.
Aber nicht nur die Schauspieler, auch Regie, Buch, Effekte, alles in dieser Produktion dürfte das Prädikat "bahnbrechend und wegweisend" bekommen, und seitdem als Messlatte für TV-Serien dienen. Nicht zu vergessen die Musik von Michael Giacchino, die dermaßen innovativ ist, dass sie den Vergleich mit Ennio Morricone locker standhalten kann.
Zugegeben, es gibt Folgen, die schwächer sind, wie auch eine vierte Staffel, der man den Autorenstreik anmerkt, und ein Serienende, das höchst diskussionswürdig, wenn nicht gar heftig umstritten ist. Ich will hier nichts verraten, aber die einen Zuschauer sind enttäuscht, die anderen inspiriert; was für mich aber als eine weitere einmalige Qualität angesehen werden kann, denn "kalt" lässt es einen auf keinen Fall. Und dass das Ende einer Fernsehserie hitzige Debatten auslöst, erlebt man auch nicht alle Tage.
Fazit:
Wer von "Lost" noch nie etwas gesehen hat, besorge sich einfach irgendwie die erste Folge der ersten Staffel, schaue sich die ersten 30 Minuten an, und wenn man danach wissen will, wie es weiter geht, hat es einen schon am Wickel, und man kann sich getrost 5 Tonnen Popcorn besorgen und für ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis die Gesamt-Box kaufen.
Es lohnt sich. Meiner Meinung nach bis zum Schluss.