Ob Ihnen der Film ebenso gut gefallen wird wie mir?
Schwer zu sagen, denn immerhin spaltet dieses schräge Werk von Sofia Coppola selbst die klügsten Geister und die kultiviertesten Geschmäcker in zwei Fraktionen. Ich wage aber zu sagen, unter welchen Umständen Ihnen dieser Film nicht gefallen wird:
Sollten Sie rasanten Action- und Splatterfilmen zugeneigt sein oder auf trivialen Slapstick-Klamauk Marke Jim Carey stehen, lassen Sie die Finger von dem Film. Wenn Sie elaborierte Dialoge einer schrillen Bildgewalt vorziehen, lassen Sie die Finger von dem Film. Wenn Sie Wert auf knifflige, thrillermäßige Handlungsabläufe legen, oder wenn Sie sich Spannung zum Fingernägel Abkauen wünschen, dann lassen Sie bitte erst recht die Finger von diesem Film, denn das alles hat er nicht zu bieten.
Und gerade deshalb ist es ein 5 Sterne-Film:
(K)eine Handlung: Die beiden Amerikaner Bob (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) müssen einige Zeit in Tokio verbringen. Wegen Jetlag und fremdartiger Kultur tun sie sich schwer in dieser schrillen Großstadt, die vor Leben überbordet. Sie sind wie zwei Gestrandete auf einem fremden Planeten, verlorene und paralysierte Seelen, die sich an der Hotelbar finden und Freundschaft knüpfen, eine Freundschaft die weit über das normale Maß hinausgeht und doch nicht zu einer banalen Liebesgeschichte herabsinkt.
(K)eine Liebesgeschichte: Feinfühlig und sensibel und ohne großartige Dialoge nähern sich zwei verwandten Seelen einander an. Sie sind sich näher als ihren Ehepartnern und überschreiten doch nie die Grenze zum Sex. Es bleibt bei Blicken, keuschen Berührungen und einem letzten Kuss und dennoch hat man das Gefühl an einer wunderbaren Liebe teilzuhaben.
(K)eine Komödie: Der Film steckt voller Melancholie und tiefsinniger Gedanken über das Leben, die Liebe und die Vergänglichkeit eingebettet in gefühlvoll berührende und zum Teil skurrile Szenen und doch finden sich in jeder Szene unglaublich viel geistreicher Witz und Komik. Der Crash der Kulturen und die sehr zutreffenden gezeigten Verlorenheit hinter der Sprachbarriere sind ebenso Anlass zu herzhaften Lachern wie die subtilen Anspielungen auf Banalitäten des Alltages und die allzu menschlichen Macken. Da ist z.B. das nächtliche Fax von Bobs Ehefrau, die Teppichmuster die sie per Post übermittelt oder gar das exaltierte Filmsternchen Kelly das einem zum Kopfschütteln und Schmunzeln bringt. Ganz zu Schweigen von den überspannten Filmaufnahmen zur lächerlichen Whiskeywerbung oder von der unerschütterlichen Freundlichkeit der Japaner, ja sogar der Besuch im Krankenhaus wird zu einem herrlich witzigen Erlebnis.
Sofia Coppola ist eine Meisterin der Bildersprache. Das beweist sie in diesem, ihrem zweiten Film, wo sie es schafft mit knappen aber sehr scharfsinnigen Dialogen auszukommen und Gefühle mit Hilfe von eindringlichen und überwältigenden Bildern zu transportieren: Da bestaunt man bei wundervollen Musiksequenzen das knallbunte Tokio, die amerikanische Enklave im Park-Hyatt-Hotel, das bizarre Nachtleben der nimmermüden Großstadt und an allen Ecken und Enden eine Kultur, die uns - und natürlich besonders den hier köstlich verspotteten Amerikanern - so fremdartig ist als wären die Japaner Aliens von Alpha Centauri. Das bringt den Zuschauer zum Lachen und Nachdenken, das bringt das träge westliche Gehirn in Fahrt.
Doch trotz allem wäre dieser Film nur halb so genial, wenn da nicht Bill Murray und Scarlett Johansson wären. Der Alt-Star und die unverbrauchte Jungschauspielerin ergänzen sich perfekt, als wären sie nur für diese Rollen geschaffen. Murray ist einfach genial. Unaufdringlich und subtil lässt er die unscheinbare Charlotte neben sich bestehen und doch ist er zu jedem Augenblick Herr dieses Films. Wer Murray auf dem Höhepunkt seiner Kunst erleben will, sollte sich diesen Film nicht entgehen lassen.
Zusammenfassung:
Ich weiß, ich habe nun vermutlich die 180. Rezension zu diesem Film geschrieben, und ich bin Ihnen gar nicht böse, wenn Sie meine ausgiebigen Lobesreden nicht lesen wollen. Darum hier eine kurze und schmerzlose Zusammenfassung.
Dieser leise, warmherzige und ausgesprochen geistreiche Film hat 5 Sterne verdient. Und weil es nicht gerade von guter Erziehung oder großem Verstand zeugt wenn man Rezensionen, die eine andere Auffassung vertreten mit Nein abklickt, musste ich leider selbst eine Rezension schreiben und diese auch noch begründen um den Sternendruchschnitt auf einen der Größe des Filmes angemessenen Level zu halten.
Danke für ihr Verständnis. ;-)
DVD:
Bildformat: 1,85:1 in 16:9, Sprache: Deutsch und Englisch Dolby Digital 5.1, Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, DVD 9, Laufzeit ca. 97 Minuten plus ca. 77 Minuten Extras, Menü teilweise animiert mit Ton,
Extras: Darstellerinfos als Textseiten, Blick hinter die Kulissen mit deutschen Untertiteln (ca. 5 Min), Deleted Scenes (ca. 12 Min), Ein Gespräch mit Sofia Coppola und Bill Murray mit deutschen Untertiteln (ca. 10 Min), Making of mit deutschen Untertiteln, Mathew's Best Hits in japanischer und englischer Sprache (ca 4,5 Min), Interview mit deutschen Untertiteln (ca. 14 Min.)