Die Crème der Popmusik spielt Kurt Weill -- ein Experiment ist das eigentlich nicht. Schließlich hatte sich kein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts unbefangener und intensiver mit der sonst leicht abschätzig beäugten Unterhaltungsmusik befasst wie Weill, und ganz bestimmt ging keiner kreativer um mit den verschiedenen Musikstilen: Schlagermusik und protestantischer Choral, Volkslied, Moritat, Ballade, Jazz, zeitgenössische Tanzmusik -- es gibt eigentlich nichts, das Weill nicht interessiert hätte, das er nicht genial in seine Kompositionen umgesetzt hätte. Müßig zu spekulieren, wie er komponiert hätte, wäre er nicht schon 1950 gestorben -- obwohl die Vorstellung so reizvoll ist, dass man sich das dann doch vorstellt... (Weill à la Dylan oder Elvis...) Hal Willner, Paul M. Young und John Telfer, die Produzenten von "Lost in the Stars", haben sich das offensichtlich überlegt und Vertreter aller möglichen Stile ins Studio gebeten: Tom Waits und Charlie Haden, Sting und Lou Reed, Richard Butler (von den Psycholedic Furs) und Carla Bley, Van Dyke Parks und Dagmar Krause... usw. usw. Bei den Aufnahmen handelt sich's vor allem (aber nicht ausschließlich) um Weills famose Gassenhauer aus seiner Zusammenarbeit mit Bert Brecht, jeweils in der englischem Textversion: Mahagonny, Dreigroschenoper, Happy End. Stücke also, die man mitpfeifen kann und die man oft in verschiedenen Versionen kennt. Wie man hier aber nachdrücklich hört, ist das Potential dieser Songs noch lange nicht ausgeschöpft. Lumpen ließ sich nämlich keiner der Beteiligten, im Gegenteil: Dieses Album ist grandios.
Eine schönere Hommage an den großen Kurt Weill kann man sich kaum vorstellen: Nehmen wir z.B. "Mack the Knife" -- Sting befreit diesen Über-Heuler von allem Bigband-Ballast, und heraus kommt eine unterkühlte, laszive Reduktion aufs Wesentliche. Ähnliches gilt für Lou Reeds "September Song" oder Dagmar Krauses "Surabaya Johnny" -- cool und mit raffiniert versteckter Emotion, ohne irgendwelche selbstverliebten Spielereien. In diese Richtung geht auch Tom Waits; wer könnte die Zeile "Food is the first thing, moral's the follower" (hierzulande besser bekannt als "Erst kommt das Fressen, dann die Moral") apokalyptischer daherrumpeln lassen als Waits? Ralph Schuckett wiederum lässt den "Alabama Song" in dermaßen neuem, spartanisch-edlem Glanz erstrahlen, dass seine Version durchaus neben derjenigen der Doors bestehen kann.
Jedoch, das Spektrum der beteiligten Musiker ist groß, und dementsprechend variantenreich ist auch die Musik: Charlie Haden oder das Armadillo String Quartet holen so ziemlich jede Nuance aus Weills Steilvorlagen, Todd Lundgren liefert eine reinrassige Rock-Version ab von "Call from the Grave", und dass etwa Carla Bley, Mark Bingham, Johnny Adams & Aaron Neville oder Van Dyke Parks (und noch einige andere) mit angezogener Handbremse aufgespielt hätten, kann man auch nicht gerade behaupten.
Klar, manches ist gewöhnungsbedürftig, und je nach den persönlichen Vorlieben gefällt einem der ein oder andere Song vielleicht nicht ganz so. Aber das kann man bei einem derart weitgefächerten Interpreten-Aufgebot auch nicht erwarten. Erwarten kann man, dass jeder der Beteiligten sich in Bestform präsentiert -- und diese Erwartung erfüllt sich ohne jedes Wenn und Aber.
Auch wenn das CD-Booklet nicht mit der famosen LP-Hülle von 1985 mithalten kann -- diese CD empfiehlt sich ohne jede Einschränkung. Und zum Trost enthält sie ja noch vier weitere Tracks im Vergleich zur LP.