Wie mittlerweile fast alle Lost-Fans wissen, vereinbarten die Produzenten Damon Lindelof und Carlton Cuse mit dem amerikanischen TV-Sender ABC ein Enddatum nach insgesamt sechs Staffeln. Der Entschluss wurde gefasst, weil sie nach den ersten Folgen der dritten Staffel - die nicht besonders gut ankamen - erkannten, dass die Show nicht ewig weiterlaufen kann. Um sicherzustellen, dass die Geschichte dennoch so erzählt werden kann, wie sie es sich vorstellten und Lost nicht plötzlich eingestellt wird, setzten sie sich lautstark für ein Ende nach sechs Staffeln ein. Zu großer Überraschung stimmte ABC zu. Die Zuschauer hatten nun Gewissheit, dass sie - egal wie das Ende letztendlich aussieht - die Serie nicht jahrelang verfolgen, nur um herauszufinden, dass sie abgesetzt wird und ein unzufriedenstellendes Ende findet - ein Schicksal, das leider zu viele Serien ereilt. Für die Produzenten war es ein kreativer Befreiungsschlag. Die ersten Folgen der dritten Staffel brachten die Handlung leider kaum voran. Doch in der zweiten Hälfte der dritten Staffel, nachdem das Enddatum feststand, war Lost so gut, wie seit Staffel 1 nicht mehr. Die vierte Staffel setzte diesen Trend trotz Autorenstreik fort. Wie sieht es nun mit der vorletzten Staffel aus? Vorher blicken wir kurz auf die Geschehnisse des vierten Staffelfinales zurück:
Die "Oceanic 6", bestehend aus Jack, Kate, Sayid, Sun und Claires Sohn Aaron, konnten die Insel verlassen. Ein Frachter, der von Bens Widersacher Charles Widmore geschickt wurde, explodierte; Michael, Suns Ehemann Jin, und einige Nebendarsteller kamen dabei ums Leben. Doch die Oceanic 6 waren nicht die Einzigen, die die Insel verlassen konnten. Im Helikopter, der später abstürzte, befanden sich auch Desmond und Frank Lapidus. Gefunden wurden sie von Penelope Widmore - Desmonds großer Liebe, die er drei Jahre lang nicht sah. Ben drehte ein Rad, das sich tief unter der Insel an einem kalten Ort befand. Das Rad transportierte ihn zehn Monate in die Zukunft, wo er in der Wüste Tunesiens aufwachte. Durch Bens Aktion verschwand die Insel. Ja, sie verschwand. Sie war nicht mehr zu sehen.
Drei Jahre nach der Rückkehr der Oceanic 6 in die "wirkiche" Welt, war das Leben wohl nicht so, wie sie es sich nach ihrer Rettung vorstellten. Kate, die sich um Aaron kümmerte, lebte eventuell mit Jack zusammen. Doch Jack begann Medikamente zu schlucken und Alkohol zu trinken, da er seinen Vater sah, der in Australien gestorben ist. Sein Sarg befand sich im Flugzeug, das auf der Insel abstürzte. Sayid arbeitet als Auftragskiller für Benjamin Linus. Hurley ist wieder in der Irrenanstalt. Sun traf sich mit Charles Widmore - warum ist uns noch nicht bekannt. In der letzten Szene wurde dann enthüllt, dass sich John Locke im Sarg befindet und laut Ben ebenfalls zurück auf die Insel muss.
Die fünfte Staffel beginnt dann furios. Die ersten Folgen legen ein Tempo vor, das es noch nie zuvor in der Serie gab. Ich möchte nicht viel über die Handlung verraten, aber was mit der Insel und den Personen darauf geschehen ist, wird gleich in der ersten Folge deutlich. Abseits der Insel, drei Jahre später, versuchen Jack und Ben den Rest davon zu überzeugen, wieder auf die Insel zurückzukehren. Nur wie soll das überhaupt funktionieren? Sie war bereits vorher schwer zu finden und ist nun verschwunden.
Nach einigen Folgen haben die Charakter-Folgen wieder die Überhand, die zu Beginn fast gänzlich fehlte. Auch die klassischen Rückblenden, die in der vierten Staffel kaum zum Einsatz kamen, feiern ein Comeback. Als Gesamtbild ist das für mich die beste Staffel seit der Ersten. Das Bild fügt sich jedoch erst sehr spät zusammen. Nach Folge 12 oder 13 war ich noch sehr skeptisch, ob diese Staffel vernünftig zu Ende erzählt werden kann. Mit dem Finale waren diese Zweifel aber verflogen. Einige werden das selbstverständlich anders sehen, aber für mich gab es nicht eine mittelmäßige Folge; sogar die schlechteste bekommt von mir noch das Prädikat "gut". Solch ein konstant hohes Niveau erreichen nur sehr wenige TV-Serien.
Neue Charaktere gibt es auch in dieser Staffel wieder, sie nehmen aber nicht so eine große Rolle ein, wie noch in vorigen Staffeln. Es geht halt aufs Ende zu. Das Staffelfinale ist, wie es immer der Fall war, eine Ausnahmefolge und wirbelt - da das Ende bevorsteht vielleicht zum letzten Mal - alles durcheinander. Doch es bringt auch Licht in einige der großen Fragen, die sich Fans seit Jahren stellen. Das Rauchmonster (von Fans liebevoll "Smokey" genannt) wird Stück für Stück weiter aufgelöst und auch der mysteriöse Jacob spielt eine wichtige Rolle. Mit dem Finale wird definitiv der Grundstein für das letzte Kapitel der Lost-Geschichte gelegt.
Nicht jeder wird von der neuen Ausrichtung begeistert sein. Ich kann verstehen, wenn man der ruhigeren Erzählweise der ersten Staffeln mehr abgewinnen kann. Aber was jeder positiv anmerken sollte ist, dass sich Lost immer weiterentwickelt. Stillstand ist glücklicherweise ein Fremdwort für die Produzenten. Das ist in der heutigen TV-Landschaft leider eine Seltenheit geworden; findet ein Sender ein erfolgreiches Format, dann wird es ausgeschlachtet und ja nichts daran verändert. Lost geht glücklicherweise noch ein Risiko ein - wie mit dieser Staffel, die die Zuschauer durchaus spalten kann. Aber genau diese ständige Veränderung - jede Staffel hat quasi einen anderen Fokus - ist der Grund, warum Lost auch in der vorletzten Staffel noch "frisch" wirkt. Wer zu denjenigen gehört, denen die fünfte Staffel nicht sehr zusagt, kann sich dennoch auf die sechste und letzte Staffel freuen: Laut Damon Lindelof wird die letzte Staffel wieder etwas bodenständiger und soll an die erste Staffel erinnern.
Ich hoffe, es ist ok, dass ich meine Rezension zur UK-DVD noch einmal für das deutsche Produkt einfüge. Da viele Personen die aktuelle Staffel erst mit der deutschen DVD ansehen, halte ich es für sinnvoll.