Die neuen Wege, welche die Malerei bereits ein Jahrhundert vorher beschritten hat, wagen nur wenige Filmemacher zu betreten. Ein für mein Empfinden gelungenes Beispiel ist das von David Lynch - u.a. auch einem Maler und Bildhauer - 1997 geschaffene Werk "Lost Highway".
Das Spektrum der Gestaltung zieht sich vom ganz normalen Realfilm bis hin zu fast nicht mehr identifizierbaren "zerstörten" Bildern. Konstruierte, montierte und verfälschte Bilder wechseln sich ab mit verkehrten Perspektiven, Farbabweichungen und verwaschenen und verzerrten Eindrücken. Ein intensiv eingesetztes Stilmittel sind historisch anmutende "Amateur"-Videoaufnahmen sehr schlechter Qualität.
Die zweifelsfreien Handlungselemente erkennt wohl jeder selbst, für sich gesehen ergeben sprengen sie nicht den Rahmen des Üblichen. Die Wirkung des Films entsteht durch die Gesamtheit, durch die Verflechtung von Zeit und Raum - der "Mystery Man" (Robert Blake, 64) führt den Zuschauer in diese Allgegenwart der Hauptfiguren mit seiner einführenden Demonstration: "Ich bin bei Ihnen zu Hause. Ich bin jetzt gerade dort." Ähnliche Verbindungen bestehen zwischen dem Saxophonisten Fred (Bill Pullman, 44) und dem dem Automechaniker Pete, die Erinnerungen an Dr. Jeckyll und Mr. Hyde wach werden lassen. Ein weiteres solches Figurenpaar bilden Freds Frau Renee und Alice (Patricia Arquette, 29), die Gespielin des Ganoven Ed (Louis Eppolito), die sich Pete, Freds Alter-Ego zuwendet.
Man könnte Lynch vorwerfen, umfangreiche Gewaltszenen und wilde geschlechtliche Interaktionen spekulativ einzusetzen; an die eingangs erwähnten Bezüge zu Malerei erinnernd, muss man aber doch festhalten, dass dies ein völlig normales Geschehen in fast jeder Art von Kunst ist. Künstler lieben eben die Liebe - und ehrliche Zuschauer auch.
Natürlich ist jedem freigestellt, über die Intensionen, die verborgenen Nachrichten des Werks zu spekulieren. Wer Kunst erleben und genießen möchte, fährt aber vielleicht besser damit, sich fallen zu lassen. Rationalisierung verbarrikadiert der Kunst den Zugang zum Unterbewussten - wenns also schon sein muss, liest man vielleicht besser hinterher, was z.B. in der Wikipedia philosophiert wird; ein brauchbarer Weg, um herzlich ablachen zu können.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich liegt vielen Werken eine Idee oder auch eine Konstruktion zugrunde - aber das ist nur das Gerüst; die Ausgestaltung erfolgt weitgehend intuitiv und ordnet sich wohl bei den meisten Künstlern, schon gar, wenn man hier den surrealen Bereich betritt, nicht mehr Planspielen und Strategien unter. Der clevere Zuschauer wird also damit leben, dass nicht alles und jedes erklärbar ist; wenn ihm das gelingt, besitzt er schon die Eintrittskarte zu wirklichem, nämlich unterschwelligem Verständnis.
Auch, wenn ich durchaus verstehe, warum mancher vom "Lost Highway" abkommt: Für mich war die erste Sichtung bereits faszinierend, der zweite Durchgang ein noch größerer Genuss. Wenn ich den Film neu kaufen müsste, würde ich aber angesichts des optisch schwierigen Materials auf jeden Fall die Blu-ray wählen.
Im Original 134 Minuten, Format 2,35:1 auf 35 mm Film (anamorph), DD (IMDB)
film-jury 5* A0594 6.12.2011e 8A Genre: Drama | Mystery | Thriller