Das Hotel Himmelgarten.
Hier treffen drei bemerkenswerte Frauen aufeinander, deren Wege sich an diesem Ort kreuzen und die sich im Laufe der Handlung, vor allem sexuell, näher kommen. Es handelt sich dabei um die ehrwürdige Lady Alice Fairchild, Miss Wendy Potter geborene Durling("Darling" gerufen) und Misses Dorothy Gale aus Amerika, eine junge Frau vom Land. Wie sich später herausstellen soll, haben wir es hier mit den gealterten Versionen der Heldinnen aus den Kinderbüchern "Alice im Wunderland", "Peter Pan" und "der Zauberer von Oz" zu tun, deren Geschichten Melinda Gebbie und Starautor Alan Moore in Form erotischer Erlebnisse nacherzählen.
Eine kurze Anmerkung ehe ich die Rezension fortsetze. Lost Girls ist vor allem eines: Ein Porno reinsten Wassers.
Zwar anspruchsvoll und höchst raffiniert erzählt, aber immer noch ein Porno und das wollen Miss Gebbie und Mister Moore auch gar nicht abstreiten.
Für unvorbereitete Naturen bedeutet das Folgendes: Es wird in jedem Kapitel zumindest einmal kopuliert, masturbiert und geblasen. Neben gleichgeschlechtlichen Verkehr, finden auch Inzest, Gruppensex und Pädophilie ihren Platz in der Geschichte um die verlorenen Mädchen, die sich durch das Erzählen ihrer allesamt traumatischen Erlebnisse "befreien" und sogar sexuell stimulieren um zum Schluss, trotz des drohenden ersten Weltkrieges positiv in die Zukunft zu sehen. Um es auf den Punkt zu bringen: Was hier einem als Leser serviert wird, ist trotz der geradezu berührenden Geschichte und deren positiver, lebensbejahender Botschaft harter Tobak, der auf empfindliche Gemüter, ähnlich verstörend wirken kann wie Moores letztes großes Meisterwerk From Hell, da die Erlebnisse der liebenswerten Hauptfiguren hochgradig verstörend und abgründig sind und immer mehr an Düsternis gewinnen, je weiter ihre Erzählungen voranschreiten. Dies alles sollte man sich vor Augen halten ehe man sich, das als Schuber erhältliche Gesamtpaket von drei Bänden zulegt.
Wie zu Beginn meiner Rezension erwähnt, werden die Geschichten der Vorlagen nicht neu geschrieben sondern in Form erotischer Versionen nacherzählt. Dabei wird jeder der drei Hauptfiguren ein eigener Zeichenstil zugestanden, der entweder recht spartanisch wie bei Wendy oder erstaunlich detailliert wie bei Dorothy ausfällt. Melinda Gebbies Zeichnungen wirken geradezu unschuldig, was im krassen Gegensatz zur expliziten Darstellung der diversen Sexualakte steht und die farbenfrohen Kulissen tragen ebenfalls dazu bei, den Leser zur irrigen Annahme zu verleiten, es handele sich eventuell hierbei um ein buntes Bilderbuch für Kinder, dem selbstverständlich die, wie gesagt ausführlichen und unzensiert wiedergegebenen, Bildern gegenüber stehen. Ob nun Vagina oder erregiertes Glied, hier wird alles bis zum Coitus gezeigt und distanziert Lost Girls endgültig von dem Verdacht etwas für jüngere Semester zu sein.
Dazu trägt auch die raffinierte Geschichte bei die, trotz Nacherzählungscharakter, auch durch teilweise ironischen, teilweise durch sehr derben Humor den Leser zum lachen oder zumindest zu einem Schmunzeln verleitet und der sonst sehr ernsten und düsteren Thematik der Handlung ein wenig ihrer Schwere nimmt. Kenner der literarischen Originale werden übrigens die versteckten Anspielungen wohl sofort verstehen(mir selbst ist das vor allem deswegen gelungen, da ich diverse Filme und ein Theaterstück mitverfolgen durfte), alle anderen erfreuen sich an den durch hervorragend geschriebene Texte getragene Geschichten, in denen auch Auszüge aus anderen pornographischen Werken und erotisierte Versionen der sieben Todsünden ihren Platz finden.
Zu den Dialogen sei noch gesagt, dass diese trotz ihres intellektuellen Anspruchs selbstverständlich ebenfalls Teil des pornographischen Gesamtwerkes sind, weswegen man sich nicht an den vulgären Ausbrüchen der Figuren stören sollte.
Diesen möchte ich den letzten Teil meiner Rezension widmen. Wie gesagt haben wir es hier mit drei liebenswerten Frauen zu tun. Frauen mit starken Persönlichkeiten, die nicht einfach nur als Sexualobjekte degradiert werden, sondern sich über ihre Sexualität, den Austausch und dem Ausleben ihrer Fantasien, heilen, sich selbst und ihrer Vergangenheit stellen und mit dem Wissen, dass sie trotz ihrer teilweise perversen Fantasien nicht zu jenen Monstern gehören, unter denen sie in der Vergangenheit zu leiden hatten, mit sich im reinen der Zukunft entgegenblicken können(ob es sich dabei tatsächlich um eine positive handelt, sei angesichts des Schlusses dahingestellt). Denn von seiner tiefsinnigen Bedeutung her ist Lost Girls eine Geschichte über Fantasien, deren Botschaft es vordergründig ist, den Leser dazu zu ermutigen diese als normal und positiv zu akzeptieren und ihm in Form einer perfekten Symbiose aus Melinda Gebbies Zeichnungen und Alan Moores Texten zugänglich gemacht werden.
Lost Girls ist ein Porno.
Und ein Meisterwerk.