Zu allererst eine Warnung: "Lost and Delirious" sollte sich niemand zum ersten mal ansehen, ohne sich über die emotionalen Konsequenzen im Klaren zu sein. Je nach Person (und persönlichen Erfahrungen) wirkt dieser Film möglicherweise tagelang nach, ich selbst war jedenfalls "mitgenommen" wie bei wenigen Filmen oder Serien zuvor. So, nun aber zum Film:
Alles dreht sich um die erste große Liebe einer jungen Frau namens Paulie. Diese wird hervorragend von Piper Perabo dargestellt, aber auch die beiden anderen Hauptdarstellerinnen (Mischa Barton und Jessica Paré) spielen ihre Charaktere sehr überzeugend.
Warum schreibe ich nicht mehr zur Geschichte oder zu den Figuren? Es ist meiner Meinung nach vollkommen irrelevant, ob es sich nun um eine lesbische Beziehung in einem Internat handelt. Die ganze Situation kann auf viele Orte und Menschen übertragen werden, auch wenn natürlich ein filmadäquates Umgebungsszenario geschaffen wurde. Trotzdem würde alles auch sehr gut als Theaterstück funktionieren.
Dass man sich in diesem speziellen Szenario nun aber wunderbar mit den Figuren identifizieren kann, liegt neben den erwähnten tollen schauspielerischen Leistungen und dem perfekt passenden Soundtrack wohl auch an der soliden Regie, die nur manchmal etwas einfallslos erscheint, insgesamt aber doch sehr gelungen ist. Außerdem sind auch die wenigen Nebencharaktere glaubwürdig.
Die DVD-Version ist leider weniger gut gelungen. Zwar sind Bild und Ton in Ordnung, das ist aber auch schon alles. Denn der Ton liegt zwar im englischen Original vor, jedoch sind weder deutsche noch englische Untertitel vorhanden. Zwar versteht man den Film insgesamt schon, der genaue Wortlaut - beispielsweise bei "Macbeth"-Zitaten wäre dennoch interessant. Immerhin ist die deutsche Synchronisation recht gut gelungen.
An Extras findet sich so gut wie gar nichts: Ein (lächerlicher) Kinotrailer, minimale Informationen über die Hauptdarstellerinnen sowie ein paar Trailer für andere Filme. Hier wären ein Audiokommetar oder wenigstens einige Interviews das Minimum gewesen, schade.
So, nach diesen trockenen Fakten und Analysen nun zur "emotionalen Wertung". Wie schon angedeutet ließ mich der Film nicht mehr los. Wer schon einmal wirklich geliebt hat kennt die Gefühle von Paulie und kann ihr Handeln absolut nachvollziehen, meiner Meinung nach auch bis zur letzten Konsequenz, auch wenn die meisten von uns sicher nicht ganz so weit gehen würden. Jedoch hat Paulie aus ihrer Sicht absolut nichts mehr zu verlieren. Ihre ganze Wut und Verzweiflung konnte ich in jedem Moment sehr gut nachempfinden.
Aber auch das Verhalten von Tory (Paulies Liebe) und Mary (der Erzählerin) ist für mich genauso nachvollziehbar. Nur Tories Motivation, die Beziehung zu beenden kommt mir etwas zu kurz, hier wird meiner Meinung nach zu schnell und aus dem Zuschauer nicht genügend erläuterten Gründen vorgegangen. Jedoch ist auch ihr Handeln gerade noch schlüssig, wenn man etwas länger darüber nachdenkt.
Im Übrigen bin ich auch der Meinung, dass dies kein vorrangig lesbischer Film ist, denn obgleich ich weder eine Frau noch homosexuell bin konnte ich mich mit allen Hauptpersonen - am meisten natürlich mit Paulie - mitleiden. Es wird ja sogar angesprochen: "Ich bin nicht lesbisch. Ich bin Paulie und ich liebe Tory." Die unbedingte, große Liebe zu einem anderen Menschen ist hier das Thema, es wird für Paulie bedeutungslos ob die Beziehung gegen irgendwelche gesellschaftlichen Einstellungen verstösst.
"Lost and Delirious" ließ mich mit Schmerz, Trauer, Wut, sehr wenig Hoffnung und Erinnerungen an eigene Erlebnisse zurück. Er ist sicher kein Gute-Laune-Film. Aber er lässt einen spüren, was Liebe bedeutet, was sie bedeuten kann. Wer sich darauf einlässt, macht eine - vielleicht sogar wertvoll zu nennende - Erfahrung. Dafür gebe ich dem Film 5 Emotions-Sterne.
Da es diese aber bei Amazon nicht gibt, bekommt "Lost and Delirious" auf Grund der schlechten DVD-Umsetzung leider nur 4 Sterne.