Da ist er wieder: Dr. Dr. (Medizin, Geschichte) Rainald Goetz. Selbstverständlich ist das nicht, weil Goetz mitunter praktiziert, was man mancher Gestalt des aktuellen Literaturbetriebs (Maxim Biller!) wünscht: einfach mal eine Weile kein Buch schreiben. 'Jahrzehnt der schönen Frauen' 2001 war zuvor seine letzte selbständige Buchveröffentlichung. Das 2004 erschienene 'Heute Morgen' enthielt lediglich bereits vorher veröffentlichtes, während das 2008 erschienene 'Klage' sein 2007/08 geschriebenes Internettagebuch dokumentiert.
Nils Minkmar (dessen Band 'Mit dem Kopf durch die Welt' gar nicht genug gelobt werden kann) hat einmal sinngemäß formuliert, dass Goetz und das Internet sehr gut zueinander passten, was für beide keine gute Nachricht sei. Anders als Minkmar hat Goetz den Versuch des journalistischen Schreibens aufgegeben. In seinen Worten: 'Um guten Journalismus machen zu können, musste man sich auf eine selbstverständliche Art im Sozialen so aufgehoben fühlen, wie ich mich ebenso selbstverständlich fern davon fühle, diese Alienationsposition konnte zu einer das Soziale aus der Abweichung erschließenden Ichliteratur führen, nie aber zu dem guten Journalismus' (86). Seinen eigenen Ansatz hat er damit ebenso treffend formuliert wie das Buch selbst.
Wer in Berlin dann und wann einmal eine öffentliche Veranstaltung oder einen Supermarkt in Mitte besucht, kann Begegnungen mit Goetz eigentlich nicht entgehen. Meist ist er der Charakter, der in vorderer Reihe eifrig mitschreibt. Ein Ergebnis ist hier mit recht zwischen zwei blauen Buchdeckeln platziert. Loslabern zu lesen ist ein reines Vergnügen: man möchte sich manche Formulierungen herausnehmen und in die Wohnung stellen, bspw. seinen Kurzkommentar zu 'Nudge'. Weitere Gegenstände des Protokolls sind u.a. eine Kracht-Lesung im LCB, ein FAZ-Empfang und die Finanzkrise. Völlig abwegig ist allerdings die Einschätzung, im Ex-Extra bzw. Rewe in der Chausseestr. arbeiteten die nettesten Menschen an der Kasse. Die arbeiten eindeutig im von Goetz nur zweitplatzierten Kaisers in der Schwedterstr., und wenigstens das weiß ich zu beurteilen.