Der Opernliebhaber und bekennende Wagnerianer Loriot schreibt einen Opernführer, in dem er ausgewählte Opern nach Komponisten sortiert vorstellt -- das kann ja heiter werden. Und das wird es auch, und wie!
Seine meist kurzgefassten Inhaltsangaben sollte man, wenn man nicht durch heftige Heiterkeitsausbrüche auffallen will, besser im stillen Kämmerlein lesen, denn selten findet man derartig Witzig-Gescheites. Loriot kombiniert nämlich Inhaltsangabe mit en passant verpasster Kritik und führt einem so ganz nebenbei vor Augen, dass das Schöne an einer Oper nicht unbedingt der logische, differenzierte Plot sein muss. Allerdings führt er am Beispiel von Bernsteins "Candide" ausführlich und mit gediegener Bosheit vor, dass ein klein wenig Logik nicht schaden kann -- 17 Seiten prall gefüllt mit Seitenhieben, die sich hinterhältig durch eine konfuse Handlung wühlen und nicht an herrlich boshaften Kommentaren sparen. Auch wenn Loriot seine Vorlieben erkennen lässt -- sicher ist nichts vor ihm, und die Lektüre seines gelungenen Versuchs, das Chaos in Wagners "Ring" ein wenig zu ordnen, empfiehlt sich auch für Wagnerhasser (und außerdem blickt man endlich mal durch, worum's bei dem Ganzen eigentlich geht...).
Meist fasst er sich aber kürzer und bleibt dennoch hochkompetent. Sätze wie die folgenden liest man ständig; Wagners "Kleiner Opernführer" ist eben ein wunderbares Trommelfeuer aufs Zwerchfell: "Übrigens wird [Rusalka] in der Originalsprache gesungen, aber soviel Tschechisch werden Sie ja wohl noch können", "Eine Oper, die sich mit der Französischen Revolution beschäftigt, hat ein Problem: die Enthauptung des Titelhelden. Denn auch für Sänger ist der Kopf ein wichtiger Körperteil, ohne den die Stimme sich nur mangelhaft entfaltet", "Von Goethe[...] gibt es die ganze Affaire in einer weitschweifigen, seltener gespielten Bearbeitung ohne Musik", "Es spräche dafür, Nahostkonflikte auch heute durch das Absingen von Arien auszutragen" (Die Entführung aus dem Serail), "In dem dreistündigen Eifersuchtsdrama [Figaros Hochzeit] wird ... mehr gesungen, als es bei ehelichen Auseinandersetzungen üblich ist", "Wie erwartet, äußert Madame Lescaut ihren Unmut durch eine Arie", "Es gibt keine Oper, in der ergreifender gefroren, geliebt und gehustet wird" (La Bohème), "Nie wurde ein familiäres Desaster schöner in Noten gesetzt" (Gianni Schicci)... und so weiter.
Jede Vorstellung, die meisten passen auf eine Seite, warten mit pointiertem Witz auf, und trotz akribischen Suchens konnte ich nur einen einzigen Witz finden, der ein wenig abgestanden ist. Stattdessen kombiniert Loriot schon mal, bei "Nabucco" nämlich, Inhaltsangabe mit der Satire auf allgegenwärtige politische Korrektheit und beweist damit, wie himmelschreiend dämlich letztere ist. Ähnlich gebaut und doch wieder ganz anders kommentiert Loriot Verdis "Othello".
Ich könnte jetzt aus jedem, wirklich jedem Opern-Kommentar zitieren und hätte trotz der Kürze der meisten Kommentare die Qual der Wahl.
Also nur noch schnell meine Lieblingsgemeinheit: die "Meistersänger" à la Loriot: "Wir stoßen auf einen mittelalterlichen Handwerkerverein, der nach Feierabend selbstkomponiertes Liedgut pflegt. Ein schrecklicher Gedanke." So isses.
Abgerundet wird die feine Mischung durch Opernbezogenes aus Loriots Gesamtwerk -- beispielsweise ist das legendäre Chaos "An der Opernkasse" schon zu lesen ein Genuss, auch wenn der Sketch inszeniert natürlich noch schöner ist, und das gilt auch für das "Bayreuther Pausengespräch" neureicher Ignoranten.
Ein Loriot-Interview über seine Beziehung zur Oper schließt den gelungenen Überblick über bekannte und weniger bekannte Opern würdig ab.