Möchte man sich mit Leonard Rosenmans eigentlicher Intention bei der Vertonung von Ralph Bakshis mißglückter Tolkien-Verfilmung auseinandersetzen, ist es unumgänglich, zu dieser auf 77 Minuten verlängerten CD-Edition zu greifen. Um diese immense Masse an Musik zusammenzuhalten und den Hörer nicht zu langweilen, erarbeitete der Komponist seine Partitur auf mehreren Grundlagen. Als erstes steht der Aspekt einer einheitlichen Stilistik für das umfangreiche Themenmaterial im Vordergrund. Hier treffen wir auf die Rosenman typische Kombination von traditionellen Harmonien und disonanten, teils atonalen Strukturen. Kampfszenen und dramatische Ereignisse werden zusätzlich durch die Verwendung einer pochend, ostinaten Rhythmisierung und dem vielfältigen Einsatz von exotischem Instrumentarium (etwa das elektonisch verstärkte Schlachtenhorn in "Lion's Roar") ebenso farbig wie monströs illustriert. Die fremdartige, surrealistische Atmosphäre - der Rosenmans übergeordnete Stilebne dient - ist erst nach der verdienstvollen Neuabmischung der 24-Track-Bänder zu durchhören; erst jetzt wird man mit der Farbigkeit des virtuos musizierenden 110-Mann-Orchesters und Chor in vollem Maße Vertraut gemacht (nach der miserablen Abmischung der LP-Version eine richtige Wohltat).
Weitergehend setzt Rosenman auf die Variation und fortführende Verarbeitung seiner Themen und Motive. Exemplarisch hierfür ist die atemberaubende Schlachtensequenz "Helm's Deep". In diesem Glanzstück der Partitur fließen alle Ebenen und Handlungsstränge in einem gewaltigen Strudel zusammen. Der Chor, schicksalshaft "Mordor" intonierend, steigert sich hier mit dem Orchester zu einem musikalischen Hexenkessel infernalischen Ausmaßes. Das Stück ist sicherlich in seiner Komplexität als Angel- und Endpunkt des Werkes anzusehen. Ansonsten ist diese zweite Ebene für das Gesamtwerk eher hinderlich. Vieles - sowohl thematisch als auch in der ausgefeilten Orchestrierung - wird zu oft durchbuchstabiert und schafft nur Langeweile (aber Ermüdungserscheinungen waren vielleicht schon ein Makel in Tolkiens Erzählung).
Letzlich bleibt noch der lyrische Aspekt zu erwähnen. Dieser dominiert - zum Glück? - nicht und kommt am ehesten im Stück "Mithrandir" etwas kitschig zum tragen. Ganz offensichtlich sind Rosenman beim Thema Elben die intellektuellen Flötentöne ausgeblieben. Glänzen tut der Score jetzt hauptsächlich durch die neue und bessere Transparenz seines Konzeptes, der brillanten Klangtechnik, sowie durch die kraftvollen Schlachtsequenzen. Ebenfalls ist es kaum möglich abzustreiten, daß Rosenman Tolkiens Roman über weite Strecken suggestiv illustrierte und auch nach einem sinnvollen dramaturgischen Konzept suchte, um die Geschichte zu erzählen. Ob es sich hierbei allerdings insgesamt (Highlights wie "Helm's Deep" ausgenommen) um ein freitragendes Musikwerk handelt, kann nur das mit ungebrochenen Durchhaltevermögen geschulte Ohr des Hörers entscheiden.