Als diese Version 1978 in die Kinos kommen sollte, waren etliche Tolkien-Fans begeistert; als sie wieder aus dem Kino rauskamen, waren sie eher irritiert oder bestürzt. Bakshis Version war weit davon entfernt, brilliant zu sein, denn weder hatte der Film eine durchgehende Handlung entwickelt, noch war er konsequent in seiner Umsetzung: wenn man sehen muß, daß der selbe Charakter (Aragorn) mal gezeichnet, mal als Rotoskopie (Realszene koloriert) zu sehen ist, kann man kaum von einer überzeugenden Stil-Dramaturgie reden. Dazu das Ende: abrupt hört der Film nach der Schlacht bei Helms Klamm auf, und wer das Buch nicht kennt, wird tatsächlich nicht begreifen, WARUM diese Trilogie so verehrt wird. Kaum Tiefgang, die Handlung schleppt sich mit Sieben-Meilen-Stiefeln von Szene zu Szene, und es werden Szenen in die Länge gezogen, die im Buch nur kurz abgehandelt werden.
Das Entsetzen war groß - zu recht, wie gesagt - aber es wäre töricht zu behaupten, daß dieser Film komplett für die Tonne produziert wurde. Denn es GIBT Details in diesem Film, die klasse sind: die Hintergrund-Zeichnungen haben einen ganz besonderen Stil, der dem Film einen beeindruckenden Look verleiht; geradezu mystisch regen sich Gebirge in die Höhe und unterstreichen die Besonderheit des Kontinents Mittelerde. Es ist ein geheimnisvoller, aufregender Ort, realistisch und doch verklärt. Außerdem bietet der Film einige Szenen, die zwar selbstzweckhaft wirken, dennoch eine immense Wirkung haben. In der Szene, wo Frodo von den Schwarzen Reitern zur Furt von Bruchtal verfolgt wird, gibt es Augenblicke, wo der Film seine Realitätsebene verläßt, indem er die heransprengenden Schwarzen Reiter mit einen Wolkenhimmel und Blitz und Donner hinterlegt. Wenn Gandalf von Saruman auf Orthang festgesetzt wird, verblaßt der Hintergrund zu einer Sinfonie aus schwebenden Farben - das sind Dinge, die Peter Jackson in seiner Realverfilmung so nicht umsetzen konnte, weil sie dann zu weit von einer filmischen Realität entfernt gewesen wären. Da kann sich der Zeichentrickfilm mehr Freiheiten erlauben.
Leonard Rosenman schrieb einen aufwendigen Soundtrack, der schnell ins Ohr geht und die Düsternis der Handlung treffend untermalt. Ich finde nicht, daß diese Musik unpassend ist, denn sie interpretiert das Geschehen anders als es Howard Shore in seiner Musik für die Realfilme tut. Es klingt tatsächlich ein wenig "Hollywoodlike", eingängige Melodie in Titelstück und dergleichen, aber an anderen Stellen sind dafür genug Dissonanzen vorhanden, die das Ganze nicht ins reine Mainstream abdriften lassen. Shore dagegen ist pompöser, verwendet mehr Leitmotive, wirkt aber auch mehr dem Folkloristischem verbunden. Rosenman dagegen abstrahiert, setzt auf Wirkung und harte Akzente. So verstärkt er die Wirkung der Bilder auf eine Weise, die dem Film sehr gut tut.
Im Vergleich zur Realversion ist der Film ungeschliffener, grober, rastloser, doch er erfreut durch herrlich undisneysche Hintergründe und einige Kampfszenen, die für Zeichentrickfilme recht heftig ausfallen. Zwar ist er keine perfekte Empfehlung, aber: DIES WAR ÜBER ZWANZIG JAHRE LANG DIE EINZIGE VERFILMUNG DIESES STOFFES! Somit Zeit genug, sich den Film zehntausendmal anzusehen und alle Nach-, aber auch Vorteile vor Augen zu führen. Ja, nicht die beste Verfilmung, aber dennoch ein Klassiker.
Die DVD erfreut durch gutes Bild und klaren Ton (immerhin Dolby Surround). Keine Extras! Ungeschnitten.
Zuletzt möchte ich aber noch folgendes erwähnen: es gibt zwei weitere Zeichentrickfilme, die Jules Bass und Arthur Rankin Jr. (Das letzte Einhorn, 1982) geschaffen haben. Es handelt sich um THE HOBBIT (1977) und THE RETURN OF THE KING (1980). Diese Filme wurden im US-Fernsehen gezeigt, und meines Wissens erschienen sie nie in Deutschland. Warner hat die Filme in den USA bereits 2001 - zusammen mit THE LORD OF THE RINGS - auf DVD veröffentlicht (Ländercode: 1). HOBBIT erzählt die bekannte Geschichte von Bilbos legendärer Reise zum Einsamen Berg, und RETURN führt die Geschichte des Bakshi-Films zuende. Als solches sicher sehr reizvoll.