Die Machthaber der USA haben nun wirklich niemals ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie die Weltherrschaft um jeden Preis anstreben - wer's noch nicht wahrgenommen hat, könnte sich z.B. mit dem Strategie-Buch des Sicherheitsberaters Zbigniew Brzeziñski (Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft) auf einen realistischen Stand bringen. Kurios: Auch die Macher von "Loose Change" gehörten zu denen, die zunächst naiv an die Darstellungen der Regierung glaubten.
Ursprünglich wollte Dylan Avery einen Newcomer-Spielfilm im Umfeld der Geschehnisse vom September 2001 drehen - aber bei der Recherche dazu gewann er die Überzeugung, dass es sich keineswegs um eine Tat der Al Qaeda gehandelt haben kann, sondern eher um einen generalstabmäßig geplanten Angriff, für welchen Mitglieder der US-Regierung, deren Planungsstäbe und amerikanische Geheimdienste verantwortlich sind. So wurde aus dem Spielfilm eine Dokumentation.
Das Interesse - vor allem natürlich in den Vereinigten Staaten - war immens. Mehr als eine Million DVDs wurden verkauft. Aufgrund der umfangreichen Downloads - US-Versionen sind vollständig (in schlechter Qualität) bei YouTube zu finden - gehen die Autoren von mehr als 100 Millionen Menschen aus, die inzwischen den Film gesehen haben. Nach Jahren gleichgeschalteter Presse finden sich inzwischen erste zarte Abweichungen und Zweifel an der Verschw*rungstheorie der Bush-Regierung in führenden US-Medien wie der "Washington Post".
Die vorliegende "Second Edition" von "Loose Change" (Beginnender Wandel) wurde noch mit einem Etat von nur $6.000 US-Dollar realisiert. Für Deutsche ist interessant, dass der Film damit erstmals in einer professionellen deutschen Version vorliegt. Mit mehr als einer Million US-Dollar waren die beiden letzten Versionen, der Final Cut von 2007 und der "American Coup" von 2009, ausgestattet. Jede Version bringt verdichtete Darstellungen und Korrekturen von Fehlern, die den jeweils neuesten Stand der Erkenntnisse berücksichtigen. Leider musste auch gelegentlich Material entfernt werden, weil Rechteinhaber die Veröffentlichung verweigerten.
Die Box kommt mit zwei DVDs. Auf DVD 1 findet man die deutsche Version von 90 Minuten Spieldauer sowie ein 80-minütiges Interview mit dem deutschen Geheimdienst-Experten Dr. Andreas von Bülow zur Rolle der CIA. Auf DVD 2 befindet sich der 77-minütige englische Film und ein Vortrag des amerikanischen Philosophen und Theologen Professor David Ray Griffin.
Auch wenn der Film einfach schon durch die Macht der Bilder eine ganz andere Wirkung hat als die zu diesem Thema erschienenen Bücher, sind für mich die beiden Vorträge die eigentlichen Highlights. Professor Griffin ist übrigens auch für Menschen, die nicht so perfekt englisch sprechen, noch recht gut zu verstehen. Obwohl ich das Buch von Dr. von Bülow kenne, brachte das Interview doch eine völlig neue Sicht der Sache, vor allem was die Glaubwürdigkeit angeht. Ohne den Vortrag von Herrn von Bülow damit schmälern zu wollen, ist die Darstellung von Professor Griffin nochmals präziser, schlüssiger und argumentativ auf allerhöchstem Niveau. Das ein- oder andere Witzchen über die teilweise wirklich haarsträubende Unverfrorenheit der Regierungsbehauptungen und das ständige Zurechtrücken der Lügereien gibt dem Ganzen zudem eine gewisse Lockerheit.
Natürlich wird es immer Menschen geben, die den Darstellungen der Regierung Bush zu glauben vorgeben. Aber immer mehr beschränkt sich dieser Kreis einerseits auf diejenigen, die die Linie aus beruflichen Gründen vertreten müssen - dazu zählen fast vollständig die nicht nur im aktuellen Sarrazin-Migrantenskandal gleichgeschalteten deutschen Medien.
Zum zweiten glauben noch manche, die nicht imstande sind, sich in komplexen Beweissituationen ein unabhängiges Bild zu machen, in ihrer Hilflosigkeit lieber an die Aufrichtigkeit amerikanischer Kriegsregierungen. Wer so denkt, muss sich allerdings fragen lassen, wie er es schafft, die konkreten Veröffentlichungen und die aufgedeckten Geheimdokumente zu verdrängen, in welchen eben diese Regierungen, ihre Militärs und ihre Vordenker genau solche Szenerien wie die des September 2001 akribisch geplant hatten. Ein besonders drastisches Beispiel dazu aus dem Vorfeld der Kennedy-Ermordung, das schon mehr als nur erstaunliche Parallelen zum WTC-Attentat aufweist, wird im Film ausführlich dokumentiert.
Wie auch die meisten Buchautoren - genannt seien Dr. Andreas von Bülow, Mathias Bröckers und Gerhard Wisnewski - stellen die Filmemacher keinen Anspruch darauf, beweisen zu können, wie es wirklich war. Wo sie Theorien anbieten, bleiben Unsicherheiten. Allerdings würden sie - genau wie die meisten ehrlichen Menschen - schon gerne wissen, wie und wer es wirklich war. Dazu aber müsste man die US-Geheimdienste, das FBI und vor allem die Regierung zwingen, die entscheidenden Beweismaterialien herauszugeben.
An der Regierungsdarstellung jedenfalls bestehen auch beim Rezensenten begründete Zweifel. Haben Sie zum Beispiel schon mal in einer Verkehrsmaschine in Reiseflughöhe mit Ihrem Handy telefoniert? [1] (bis 2002! [2]) Ich konnte nicht einmal im Bayerischen Wald am Boden überall ein Netz erreichen, auch nicht auf Gipfeln wenige Kilometer von Orten entfernt.
Die Verbreitung solcher Argumente kann durchaus früher oder später den politischen Druck in den USA so erhöhen, dass zumindest das FBI als Polizeibehörde Beweise offenlegen muss und ggf. auch Ermittlungen gegen die wirklichen Drahtzieher einleiten muss. Letztlich ist aber zu befürchten, dass - wie in Deutschland auch - die Taten weiter vertuscht werden, damit man "den Ämtern keinen Schaden zufügt". Dabei ist es doch genau andersrum: Man fügt den Ämtern genau dadurch Schaden zu, dass man die Verbrechen mancher Amtsinhaber nicht aufdeckt und bestraft.
Insbesondere US-Patrioten sollten erkennen: Die Ölkriege haben einen unglaublichen Preis an Menschen und Steuermitteln gefordert, ohne auch nur annähernd die von den verbohrten Weltbeherrschungs-Theoretikern prognostizierten Erfolge zu bringen. Sieht man von den kriminellen persönlichen Bereicherungen ab, muss man im Kosten/Nutzen-Vergleich einen kompletten Misserfolg der jüngeren amerikanischen Kriege feststellen - an das unfassbare Leid der Menschen darf man gar nicht denken.
Wer sich vor dem Kauf des Films erst einmal die wichtigsten Inhalte und Argumente anschauen möchte, findet in YouTube Ausrisse der Filme und in Wikipedia eine detaillierte Aufstellung der Argumentationen. Wie oft in der Wikipedia sind die deutschen Seiten eher brav regierungstreu, während die US-Seiten mehr und besseres Material enthalten.
Die Dokumentationen sind hochinteressant für jeden Interessierten, der es nicht für unmöglich hält, dass Politiker wie Bush gelegentlich die Unwahrheit sagen. Schade, dass man trotz inzwischen solider Finanzen es nicht schafft, zeitnah deutsche Vertonungen der aktuellen Versionen auf den Markt zu bringen.
film-jury 4* A0289 11.9.2010eg Genre: Dokumentation
[1] Bitte telefonieren Sie NICHT ohne Erlaubnis in Maschinen, die nicht speziell dafür ausgerüstet sind. Das kann WIRKLICH die Boardelektronik stören, es gab bereits mindestens einen dokumentierten Absturz.
[2] Dafür werden erst in den letzten Jahren mit enormem Aufwand einzelne Maschinen mit "Bodenstationen" ausgerüstet.