Mit „Looking for Europe“ liegt endlich ein umfassendes Werk zu dem zwielichtigen musikalischen Bereich „Neofolk“ und der ihm artverwandten Spielarten vor.
Das ca. 530 Seiten starke Buch erhebt erst gar nicht den Anspruch allumfassend oder allwissend zu sein, sondern überlässt es (genau wie viele der behandelten Bands) dem Leser (bzw. Hörer) sich ein eigenes Bild zu machen.
Unterteilt ist „Looking for Europe“ in drei Teile und einen Anhang: Der erste Teil beschäftigt sich mit der Vorgeschichte des Neofolk, der zweite mit den, nach Heimatländern/-regionen geordneten, bekanntesten und wichtigsten Bands und ihren Alben (wobei teilweise bis ins Detail aufgezeigt wird, woher Samples, Inspirationen oder Texte für Songs stammen), und der dritte Teil geht schließlich näher auf dominierende Themen oder Probleme im Bereich des Neofolk ein. Der Anhang bietet drei Aufsätze von „Szene-Insidern“ und ein weiteres Interview, am Ende stehen eine ausführliche Biblio- und Filmographie, Adressen und ein Namensregister.
Sprachlicher Stil wie auch Aufmachung des Buches sind durchaus ansprechend. Die oft sehr speziellen und vielfältigen Inspirationen und Hintergründe des „Neofolk“, die von europäischem Sagengut (besonders der nordischen Mythologie) über mittelalterliche Mystik, und frühneuzeitlichen Okkultismus bis hin zu politischen Extremen des 19. und 20. Jhds. reichen, werden dem nicht bewanderten Leser unkompliziert und (soweit ich es überblicke) korrekt vermittelt.
Die Autoren bemühen sich auch, dem oft gehörten Vorwurf des Rechtsradikalismus in diesem musikalischen Genre objektiv auf den Grund zu gehen, schrecken nicht vor der Darstellung von einigen Konzepten oder Weltanschauungen als bedenklich zurück, fragen jedoch vor einer zu schnellen Verurteilung auch gerne erstmal bei den Musikern nach. Viele der kurzen aber auf den Punkt gebrachten Interviews spiegeln Ideen und Konzepte der Musiker wieder, die weit jenseits von üblichen schwarz-weiß, gut-böse oder rechts-links Schemata stehen. Immer wieder wird die Aufforderung an den Rezipienten deutlich, sich eigene Gedanken zu machen. Die Basis hierfür haben die Autoren Andreas Diesel und Dieter Gerten mit „Looking for Europe“ auf jeden Fall geschaffen.
Behandelte Bands: Current 93, Death in June, Sol Invictus, Fire + Ice, Blood Axis, In Gowan Ring, Orplid, Forseti, Hekate, Empyrium, Allerseelen, Der Blutharsch, Kirlian Camera, Gae Bolg, A.C.T.U.S., Hagalaz’ Runedance, Of the Wand & the Moon, Tenhi u.v.m.