Dieses Buch zu lesen macht keinen Spaß. Es ist stilistisch mehr als einmal auf der Kippe, nervt mit schiefen Metaphern und ist viel zu lang. Das ist seltsam, unterrichtet Jennifer Egan doch Creative Writing und dürfte keine Schwierigkeiten haben, ein lesbares Buch mittleren Anspruchs zu schreiben. Andererseits sorgt eine gewisse Zähigkeit auch dafür, dass man das Buch, anders als die meisten amerikanischen Romane des Creative Writing-Niveaus, nicht so einfach runterspült. Denn dieses Buch ist ziemlich abgründig konstruiert und hat sich ein wichtiges Thema vorgenommen: Was ist Identität in einer Zeit, in der die Wirklichkeit nur noch im medialen Schein erfahren wird. Mehrere Lebensläufe, geheimnisvoll verwoben und aufeinander verwiesen, spielen das Thema durch: Charlotte Swenson ist ein Model, das nach einem Autounfall ihr Gesicht verliert und mit einer schönheitschirurgischen Neuanpassung zurecht kommen muss. Sie trifft auf einen Internetanbieter, der die Lebensläufe normaler und außergewöhnlicher Menschen ins Netz stellen will, u.a. könnten sich Filmemacher über solche Menschen informieren und mit den Porträtierten sogar in Kontakt treten, was deren materieller Schaden nicht sein wird. Charlotte macht mit und heuert eine Autorin an, die in Zusammenarbeit mit dem Unternehmer ihren Lebensbericht zunehmend verfälscht, um ihn für den Zuschauer interessanter zu machen. Ein anderes Mädchen, die Tochter einer Jugendfreundin von Charlotte, die auch Charlotte heißt, ist im Gegensatz zur ersten Charlotte hässlich und hat Schwierigkeiten, sich mit ihren Mitschülern zu arrangieren. Sie beginnt eine sexuelle Affäre mit einem geheimnisvollen Mann, der sich nach und nach als arabischer Terrorist herausstellt. Als solcher ist er in dem Land, das er mit seinen Anschlägen treffen will, ebenfalls zu einem Spiel mit der Identität verurteilt.
Das ist, wie gesagt, hervorragend ausgedacht, aber überaus ausführlich erzählt: Als ob die Verwandlung des Themas in eine Geschichte nicht vollends geglückt wäre und zuviel Nebenstränge nötig gemacht hätte. Mehr Mut zur essayistischen Brechung der Geschichte wäre meinen Lesegewohnheiten entgegen gekommen, aber das sehen andere vielleicht anders. Also nur eine Empfehlung für geduldige Leser, die ein Auge zudrücken können.