Sicherlich ist bei ECM-Künstlern stets zu beobachten, dass sie das Material, das sie bei Liveauftritten oft druckvoll und offensiv spielen, auf Tonträgern stets einige Nummern ruhiger zu spielen haben. Das ist die ganz eigene ECM-Ästhetik. Doch bei dieser Platte ist es ganz und gar nicht angebracht, möglicher Liveenergie hinterherzutrauern, denn die Musik hier ist nur dynamisch zurückgefahren, aber keineswegs emotional. Und so verschwinden Gedanken über einen möglichen Vergleich auf der Stelle.
Versammelt sind hier wiederholt Balladen, die in einer ganz eigenen Musiktradition zu stehen scheinen, keiner unbekannten, aber doch einer wunderbar eigenständigen, die stets von tiefer Melancholie getragen ist. Das Spiel des Quartetts ist im Vergleich zum Vorgänger "Suspended Night" noch reduzierter geworden, aber es fehlt an nichts. Jede Note scheint das Produkt einer genauen Überlegung zu sein, ohne dass die Musik
auch nur im Ansatz kopflastig wirkt. Daneben gibt es Krzysztof Komedas "Kattorna" in einer großartigen, leicht borstigen Neuaufnahme (1995 spielte Stanko es bereits für sein Komeda-Tribut-Album ein) und die drei titelgebenden Stücke Lontano I, II und III. Diese drei völlig frei improvisierten und verhältnismäßig langen Stücke zeigen am deutlichsten, auf welchem Level sich diese Ausnahmemusiker bewegen. Ist das Zusammenspiel der vier schon auf den komponierten Stücken eng verzahnt, so ist es hier einmalig zu hören, wie die vier aufeinander hören, einzelne eingeworfene Motive aufnehmen, verarbeiten, die Stücke weitertragen, sich entwickeln lassen, wobei alle als gleichberechtigte Partner agieren und jeder den anderen Raum lässt, sich zu entfalten. Manchmal glaubt man gar nicht, dass diese Musik frei improvisiert ist, so essentiell scheint sie.
Tomasz Stankos Trompetenton ist voll melancholischer Atmosphäre, mal schwebend, mal schmerzhaft, mal leicht nervös. Er verschwendet keine Note, findet aber immer die richtige und lässt seinen drei Mitmusikern viel Raum, den diese ausnahmslos perfekt nutzen. Am stärksten tut dies Marcin Wasilewski. Seine Voicings sind stets dicht und beweisen ein superbes musikalisches Vorstellungsvermögen, die Improvisationen sind sehr lyrisch und teils auch sphärisch, ohne belanglos zu klingen. Slawomir Kurkiewicz legt in den Balladen ein volles Fundament, interagiert in den freien Imrpovisationen auch gerne in höheren Lagen, schöpft die Klänge seines Basses auch mit dem Bogen aus und wirkt insgesamt wie ein drittes Melodieinstrument. Michal Miskiewicz schafft es, nicht wie das fünfte Rad am Wagen zu wirken, als das Schlagzeuger in solch ruhigen Stücken oft wirken. Er spielt sein Schlagzeug eher klangdienlich als perkussiv, setzt kleine Impulse oder entwirft neue Schattierungen, wirkt dabei aber nicht aufdringlich.
"Lontano" ist eine Offenbarung. Selten hört man eine so eingespielte Gruppe, in der herausragende Individuen zusammen eine Identität finden und so eine große Emotionalität hervorzaubern können.
Zwar ist es bei ECM eigentlich unnötig, auch nur ein Wort über die Tonqualität zu verlieren, aber hier sei es mir gestattet: So grandios klang wohl noch nie eine CD. Der Klang ist außerordentlich rund und warm, und dennoch klar und transparent bis ins kleinste Detail. Schließt man die Augen, so ist man mitten zwischen diesen vier Ausnahmemusikern.