Jamie Blanks realisierte im australischen Wilsons Promontory National Park mit seinem vierten und nach Ansicht der Kritik besten Film "Long Weekend" von 2008 ein Remake des gleichnamigen 70er-Jahre-Streifens von Colin Eggleston. Im Film wird diesem 2002 verstorbenen australischen Regisseur gedacht. "Long Weekend" ist ein Lehrstück über die Auswirkungen der verheerenden Rolle, die der Mensch in der Natur spielt.
INHALT
Peter und Carla, verlorene Durchschnittsmenschen, deren geistige Herausforderungen sich weitgehend um Shopping drehen, haben ihren monströsen SUV für viel Geld mit allem möglichen "Outdoor"-Krempel vollgepackt. Sie machen sich auf, um an einem einsamen Strand fernab der Zivilisation ihre Ehe zu retten. Carla wäre am liebsten irgendwo anders, er macht auf Naturbursche und Macho, der Hund hat Angst und alle zusammen benehmen sich wie die letzten Campingprolls. Die Stimmung könnte gar nicht schlechter werden.
Doch zunehmend tritt an Stelle des ehelichen Horrors ein teils subtiler, teils massiver Verteidigungskampf der Natur gegen die Gedanken- und rücksichtslosen Eindringlinge, die bedenkenlos Gift einsetzen und wild durch die Gegend schießen, in den Vordergrund. Schließlich ist selbst der von sich so überzeugte Peter am Ende. Panik kommt auf.
Das Paar am Strand symbolisiert die zerstrittene Menschheit, den frevelhaften Umgang mit der Natur und die daraus resultierende Selbstzerstörung unserer Art. Dies wird von Buch und Regie eindrucksvoll umgesetzt, vor malerischer Kulisse baut sich ohne übertriebene Effekte unbehagliche Spannung auf. Der Möchtegern-Marine und die Krampfzícke überzeugen, wenn auch auf unsympathische Art, selbst der Hund ist Klasse.
DISKUSSION
Wegen der recht kontroversen Einschätzungen schien es angemessen, den Film ein weiteres Mal, nun endlich von Blu-ray, sorgfältig anzuschauen und gerade hinsichtlich der vorgetragenen Kritikpunkte neu zu beurteilen. Wen das weniger interessiert, der kann ja gleich zum Punkt "Technik" weiterspringen.
Gleich vorab: Auch der zweite Durchgang lohnte sich - man sieht einfach viel mehr, viel klarer und vor allem viel schöner. Denn beim ersten Mal dominiert natürlich die unterschwellige Furcht, versetzt man sich zu leicht in die Situation des Campers in der Abgeschiedenheit der Natur und ist damit beschäftigt, zu überlegen, was wohl passieren könnte. Das ist natürlich gewollt - der Erstbesucher soll in der Dunkelheit des Kinos der Spannung ausgesetzt sein.
Dabei ist "Long Weekend" ganz sicher nicht das Richtige für Horror- oder gar Action-Freunde; Blanks bedient sich keineswegs aus der Kiste des Übernatürlichen oder Phantastischen, sein Horror wird einzig und allein vom Menschen selbst generiert, der in seiner Unkenntnis, Rücksichtslosigkeit und Paranoia fast bei allem, was er tut, Ereignisse auslöst, die er nicht mehr kontrollieren kann. Aber man muss "Sunfilm" dafür loben, auf der Hülle keine falschen Erwartungen geweckt zu haben. Fest steht: Die Spannung im Film kann einzig der Phantasie des Zuschauers entspringen.
So sind auch die beiden Hauptakteure, Carla (Claudia Karvan, 46) und Peter (James Caviezel, 40) "Menschen wie du und ich", ganz normale Idíoten, die unbedingt an einem besonders abgeschiedenen Platz wild campen, jagen und fischen "müssen", aber eigentlich von ihrer verzogenen und technikabhängigen Anspruchshaltung her wirklich besser (und billiger!) ihr Wochenende in einem komfortablen Sport-Resort verbracht hätten - sicher wäre eine gemütlich Bar auch der bessere Ort gewesen, ihre aus einem Partnertausch mit Folgen resultierenden Beziehungsprobleme zu besprechen, als eine Rettung der Beziehung in der Anspannung einer eskalierenden Situation, der keiner von beiden gewachsen war, zu versuchen.
Die widersprüchlichen Urteile der Kritik, auch der Filmfreunde hier, zeigen, dass der Film mit Akzeptanz-Problemen zu kämpfen hat.
TECHNIK & AUSSTATTUNG
Das kann an sich weder am Bild noch am Ton liegen - selten, wenn nicht noch nie, hat man dermaßen perfekte Fotografie in einem Kinofilm gesehen. Vor allem die Naturaufnahmen aus der Luft sind geradezu umwerfend, was der konsequent eingesetzten Digitaltechnik zu verdanken ist - gedreht wurde übrigens mit einer Arriflex D-20. Dies kommt natürlich vor allem in der Projektion von Blu-ray entsprechend zur Geltung. Zur Ausstattung der Blu-ray wäre zu erwähnen, dass für die englischsprachigen Extras keine Untertitel zu finden waren und dass man ein Pop-Up - Menü vermisst, mit dem man die Sprachen während des Films umschalten könnte. Beide Sprachen - Englisch und Deutsch - kommen übrigens in DTS-HD.
Gleich noch eine Warnung: Die Fülle der Nachtaufnahmen verlangt auch nach absoluter Dunkelheit bei der Betrachtung, gerade angesichts der dank der empfindlichen Kamera vergleichsweise ausleuchtungsarmen Aufnahmetechnik - das dürfte auch ein erster Grund sein, warum der Film bei manchem nicht die erwünschte Wirkung zeigt.
ZIELGRUPPE
Das wirkliche Problem dürfte allerdings ein Zielgruppen-Paradox sein. Zwar sind die Darsteller für den Zweck perfekt gewählt, aber genau das erlaubt anspruchsvollen Filmfreunden keine Identifikation; denn es handelt sich präzise um die Sorte von Zeitgenossen, die gebildeten und intelligenten Menschen 100%-ig gegen den Strich gehen. Damit fehlt aber auch der Reiz des Weiblichen, den mancher in keinem Film gerne vermisst. Umgekehrt wird die Popcorn-Mafia weder verstehen, was das Ganze eigentlich soll, noch die subtile Spannung auch nur ahnen können und sich nach fliegenden Fleischfetzen und Kettensägen zurücksehnen. In Bezug auf dieses Publikum gibt der hässliche Proll mit Wumme auf der Hülle eindeutig die falschen Signale.
Wer aber auch mal ohne sympathische Schauspieler auskommt und ein Gespür für die selbstzerstörerische Wirkung besitzt, die unser gedankenloser Umgang mit dem eigenen Lebensraum und den anderen Lebewesen verursacht, wird möglicherweise nacheinander einen spannenden und einen Augenfilm der Extraklasse bewundern dürfen.
film-jury 4* A0677 8.8.2011eg Genre: Horror | Mystery | Thriller
ANHANG: LICHT UND SCHATTEN EINER TECHNISCHEN REVOLUTION
Vielleicht ist der Begriff "SpiderCam" noch vielen Filmfreunden unbekannt, aber bald wird diese Stadiontechnik wohl auch in den Produktions-Alltag Einzug halten. Drei Kranwagen sind schneller platziert als man Schienen verlegen kann, und fast wackelfreie Kamerafahrten werden alltäglich sein. In den Extras von "Ein Quantum Trost" bekommt man gezeigt, wie mit der SpiderCam die atemberaubenden Bilder in der Altstadt von Parma entstanden sind.
Dazu kommt die davongaloppierende Qualität der vergleichsweise winzigen Digitalkameras, die traditionelle Methoden wie Brutalausleuchtung oder "künstliche" Nachtaufnahmen ad absurdum führen. Erste Beispiele davon sieht man in "Kirschblüten-Hanami" von Dorris Dörrie.
Erfahrungsgemäß werden die Zuschauer sich schnell an das Bessere gewöhnen - was zur Folge haben wird, dass das Schlechtere plötzlich gesehen wird.
Bereits heute denkt man mit Trauer an die vielen künftig verlorenen, einst "bildgewaltigen" Filme voller Unschärfen, Rauschen, Wackeln und Korn, verstümmelt von Behelfstechniken wie völlig unnatürlicher Ausleuchtung. "Klassiker", die, wenn sich Auge und Anspruch erst einmal an diese ja künftig noch gewaltig ausbaufähige Videotechnik gewöhnt haben werden, fast nicht mehr mit Genuss anschaubar sein werden.
Man kann nur hoffen, dass die Aufbereitung alter Filme diese Defizite künftig wenigstens zum Teil ausgleichen können wird.