Comic, Piratenabenteuer, Fortsetzung eines weltberühmten Klassikers... kann die kultivierte Dame eigentlich noch zielsicherer ins scheinbar triviale Fettnäpfchen tappen? Dabei kann sie alle pikierten Blicke dieser Welt mit einem einzigen Wort lässig abschmettern: "Kunst!" Aber es geht auch viel einfacher. Schließlich steht eine Dame über sowas drüber, denn auch ein schlechter Ruf verpflichtet. Außerdem ist mir das eh wurscht: Ich fand nämlich schon mit zwölf den Long John Silver irgendwie viel faszinierender als alle anderen zusammen bei der "Schatzinsel"-Lektüre. Die waren alle gut oder böse. Aber Long John war undurchsichtig und zog die Fäden und tappte dann doch irgendwie in die eigene Falle rein. Wie gut, dass er am Ende der Gerechtigkeit auskam und man zusammen mit Doktor Livesey drüber spekulieren konnte, wie's ihm weiter ergangen sein mochte.
Und wie gut, dass Xavier Dorison (Text) und Mathieu Lauffray (Zeichnungen) ihr auf vermutlich vier Bände angelegtes Long-John-Silver-Epos ausdrücklich nicht als Fortsetzung verstanden haben wollen, sondern als Hommage. Eine Fortsetzung wäre Blasphemie. Aber eine Hommage, eine Fantasia... die Idee hat was, zumal sie insbesondere zeichnerisch hervorragend umgesetzt ist. Vorausgesetzt, man ist bereits jenseits der zwanzig und dennoch faszinierbar vom Faszinierenden.
Wir schlagen "Lady Vivian Hastings" auf, den ersten bis jetzt erschienenen "Long John Silver"-Band, dessen finsteres Titelbild einem dreispitzgekrönt und sturmumtost den Rücken zugewandt hat. Zwar ist's nicht Long John, aber zu trauen ist diesem Kerl genauso wenig, und man legt keinen Wert drauf, sein Gesicht zu sehen. Dass man das noch öfters zu sehen kriegen wird, ist einem aber klar... und wenn er einem nach zwei Seiten die Visage zeigt, weiß man, dass man auf den Anblick gern verzichtet hätte. Nein, sogar bei der Heiratsvermittlung für Blinde wär das ein Ladenhüter. Andererseits: Long John Silver war intelligent, also dürfte dieser Comic auch intelligent sein. Die Vermutung trügt nicht; hier ist viel inbrünstig ironisches Spiel mit Versatzstücken des Genres an Bord, ohne dass Selbstverliebtheit im Vordergrund stünde.
Fasziniert ist man nämlich gleich beim ersten Durchblättern, denn der Zeichner lässt sich nicht lumpen: Die Atmosphäre stimmt; so hat man sich das immer vorgestellt, das Leben auf gottverlassenen Segelschiffen und in Hafenspelunken. Lauffray zeigt hier so nebenbei, dass der Comic dem Film näher steht, als man zunächst denkt: Harte Schnitte von Nahaufnahmen zu Panoramen und wieder zurück; Perspektive und Tempo wechseln ebenso schnell wie bei der Schwarzen Serie. Und obwohl der Zeichenstil ganz charakteristisch ist, wird er nicht eintönig; Lauffray dosiert seine Akzente haargenau richtig. Manchmal lässt er es sogar aufhören zu regnen, schneien oder stürmen... Chapeau!
Dabei verlässt sich Mathieu Lauffray nicht auf vordergründige Effekte: Die Einzelbilder stimmen bis ins letzte Detail, ob es sich nun um das Leben auf Deck und unter Deck handelt, um Spelunken, das Leben in windumtosten Burgen, das behagliche winterliche Bristol... Dazu diese Gesichter: Eine teuflisch schöne Lady Hastings mit unverkennbaren Anzeichen des Wahnsinns, mit der verglichen Scarlett O'Hara ein Heimchen am Herd wäre. Ein bis ins Mark britischer Doktor Livesey. Ein undurchsichtiger zwischenzeitlicher Kapitän Samir Razil, der ausschaut wie aus Tausendundeiner Nacht entsprungen... Ein Long John Silver mit diesem unwiderstehlich stechenden Blick... Und dann diese phantastischen Charakter-Visagen seiner Getreuen! Überhaupt, diese Gesichter. Das sind echte Gesichter. Sie allein schon lohnen das Durchblättern, und zwar gerade für Erwachsene.
Und jetzt zur Story, also zum Lesen jenseits der faszinierenden Zeichnungen: Dieser Comic spielt souverän mit allen Versatzstücken des Piraten-Schundromans de luxe, und der Texter hat hier so ziemlich alles in die Handlung gerührt, was gut und teuer ist. HAAALT! Nicht zu früh zetern! Bitte zu beachten: Parodiert wird das Schundroman-Genre. Dem Long John Silver wird gehuldigt.
Ein Segelschiff auf Eldorado-Kurs kurz vor Schiffbruch, drohende Meuterei und beinah die Pest an Bord; der geheimnisvolle Indianer weicht dem fanatischen Käptn mit Augenklappe nicht von der Seite... Da, Guyanacapac! -- Kameraschwenk zu des Käptn teuflisch schönem Weibe, welches derweil auf einsamem Steilküsten-Schlosse an schottischer Steilküste hauset und huldiget der Untreue; ach, ein kaltherzig berechnend Eheweib! Und doch, ein verhängnisvoller Fehltritt treibet sie in neue Ranküne, und welch arglistige Ränke gar schmiedet das Hirn hinter ihrer Treusorg' mimenden Zofe Elsie glatten Stirn! Und der arme ehrenhafte Doktor Livesey, der Ärmste... Aber man hat ja schon die Einleitung gelesen und weiß, den Ärmsten hat wieder mal das Schicksal mit einer Breitseite erwischt.
Natürlich kann der brave Doktor den Kontakt zu Long John Silver herstellen (hat man das nicht immer vermutet?), natürlich überkreuzen sich da die sinistren Schachzüge, natürlich verfolgt da jeder für sich seine undurchsichtigen Pläne: Lord und Lady Hastings, Long John Silver, Elsie... und welche Gefolgsleute von Lord Hastings Bruder (den gibt's nämlich auch noch!) und welche von Long John sind wirklich treu? Und was plant dieser Moxtechica, der zwar "in unserer Sprache" nur einige Worte spricht, "aber er versteht fast alles"? Alle sind sie versammelt an Bord dieses Seelenverkäufers mit Kurs Guyanacapac... Es folgt eine nahezu klassische Schlusseinstellung. Natürlich segelt man nicht dem Sonnenuntergang entgegen, das gehört sich nicht bei gar schauerlichem dschungelverhang'nem Ziele, aber immerhin wirkt der Horizont etwas lichter als das Hinterzimmer von Long Johns Hafenspelunke. Spannender geht's nimmer, und jetzt könnte der Bericht über Long John Silvers tragisches Schicksal losgehen, das ihn erwartete -- aber nix da. Das Exposé ist perfekt, "Fortsetzung folgt".
Dass dennoch die Spannung nicht auf der Strecke bleibt, und dass man am Ende des Bandes, wenn es hundsgemein mitten im spannendsten Moment "Fortsetzung folgt" heißt, dreinschaut, als würde man nachts um halb vier aus einem wildromantischen Traum aufgerüttelt... Das ist ein dickes Plus, denn es spricht für der Autoren Können. Und zugleich ist's ein dickes Minus, denn in sich abgeschlossen ist der Band nicht; man kann nicht von einem Plot sprechen, sondern bestenfalls von einem Exposé. Fair ist das nicht von Autoren und Verlag, dass alles mittendrin abreißt, einfach so... vulgo: Gemeiiiiin! Aber vielleicht gehört das ja auch zur im Preis mit inbegriffenen Genre-Parodie. Nicht auszuschließen. Am Ende von Band (4) werden wir's wissen.
Wenn das Rätselraten bis dahin auf diesem Niveau weitergeht, lass ich mich gern weiter an der Nase herumführen.