Erinnern Sie sich noch an den Leichtmatrosen Tom, der unter Kapitän Smollet auf der Hispaniola zur Schatzinsel segelte? Nein? Er ist der, den der vielleicht berühmteste `Literatur-Pirat', John Silver, erschlug. Dies ist ja an und für sich nichts Besonderes, denn Long John oder "Barbecue, wie ihn seine Freunde nannten, wenn er denn je welche gehabt hat", hat ja während seiner langen Freibeuterfahrten so manchen ins Jenseits befördert. Doch ist Leichtmatrose Tom ganz sicher allen in Erinnerung geblieben, die in Kindertagen die auf Schallplatte gepresste `Hörbuchversion' von Stevensons weltberühmten Klassiker genießen durften. Na, jetzt vielleicht? Richtig, er ist der mit diesem gräßlich echten Todesschrei, den er ausstieß, als der Einbeinige ihm mit seiner Eisenkrücke das Genick brach und der einem noch nächtelang eisige Schauer über den Rücken jagte.
Und John Silver? "Von John Silver haben wir nie wieder etwas gehört" heißt es gegen Ende der `Schatzinsel', und diesem ungeklärten Schicksal hat sich Björn Larsson in seinem Roman `Long John Silver. Der abenteuerliche Bericht über mein freies Leben und meinen Lebenswandel als Glücksritter und Feind der Menschheit' angenommen. Doch ist es keine schlichte Fortsetzung der Geschichte über die Jagd nach dem unermesslichen Piratenschatz, wie der Untertitel schon vermuten lässt. Auf einem Felsen in der Ranter Bay, seinem letzten Stützpunkt, sitzt der alte Seeräuber und räsoniert über seine Jahre auf See, versucht "eine Positionsbestimmung vor dem Untergang". Dabei erhalten wir Aufschluss über viele wichtige Fragen, die uns all die Jahre beschäftigt haben: Wie kam er zu seinem Spitznamen Barbecue (mit seinem Job als Koch auf der Hispaniola hatte das nämlich überhaupt nichts zu tun), wie verlor er sein Bein und warum schloss er sich dem alten Flint und seinen Spießgesellen an? Dabei begegnet der Leser manch alten Bekannten wie Israel Hands und Billy Bones, Ben Gunn und Pew, als er noch nicht blind war, Baron Trelawney und seiner Dienerschaft und zu guter Letzt natürlich auch Jim Hawkins.
Larsson lässt im `Logbuch' des alten Prisenjägers die Welt der Piraten wieder auferstehen, burlesk und brutal, voll Freiheit, Abenteuer, Gefahren und Ru(h)m. Doch sie sieht aus Sicht des Einbeinigen, so zu sagen von innen heraus, sehr viel anders aus, als sein Erschaffer Stevenson sie uns von Hawkins' Standpunkt aus präsentierte. Hier sind die Seeräuber Glücksritter, die versuchten, der Willkür und der Knechtschaft an Bord der englischen Seefahrer mit ihren ebenso gottesfürchtigen wie unmenschlichen Kapitänen, ihrer Versklavung und Verstümmelung zu entkommen und dem sie ein Leben im Schatten des Galgen vorzogen. In zahlreichen inneren Monologen sowie Dialogen mit Daniel Defoe, dem Kollegen seines Schöpfers, überführt Silver seinen Erfinder der Falschdarstellung und Unkenntnis des Piratendaseins, wobei er nicht nur seine Weggefährten, sondern oftmals auch seine Leser an der Nase herumführt. Denn Larssons Roman ist nichts anderes als eine Parodie seines großen Vorgängers, ein Schelmenstück, Long John Silver niemand anderes als ein Tristram Shandy von beinahe Sterne'schen Ausmaßen. Den düsteren und häufig erkenntnisschweren Gedankengängen des Protagonisten stehen seine leicht und locker daher schwadronierten Seeräuberpistolen gegenüber, die vom Autoren nur über die Präsenz der Hauptfigur zu einem Gesamtwerk verknüpft werden.
Wer also war dieser von allen gefürchtete Schrecken der Meere nun, vor dem sogar der alte Flint zitterte? War er jener eiskalte Mörder, für den wir ihm beim Todesschrei des Leichtmatrosen Tom hielten oder hat er nur versucht, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen "und sich den Rücken freizuhalten"? Letztlich wird man nicht schlau aus John Long oder John Silver oder Long John Silver oder wie er auch immer geheißen haben mag. Und so sollte es auch sein, so wollte er es haben, das und
... die Buddel voll Rum