Wenn ein Klappentext mit dem Satz lockt "Es traf sich gut, daß er seine Gibson-Gitarre nicht mehr brauchte, denn offensichtlich hatte jemand sie benutzt, um ihm den Schädel einzuschlagen.", dann will man sich das näher betrachten -- zumindest mich hat der ironische Hardboiled-Duktus sofort geködert, und ich muss sagen: Ich hab's keinen Augenblick bereut. "Lone Star" von Kinky Friedman hat's in sich; ein Hardboiled-Krimi in der Tradition von Chandler und Hammett, der den Vorgaben der Klassiker nicht sklavisch folgt, sondern intelligenten Schabernack mit ihnen treibt. Und wie oft bekommt man schon eine gekonnte Hommage an Hank Williams, Humphrey Bogart, Robert Mitchum -- und Miss Marple zu lesen?
"Lone Star State" ist nicht nur der US-amerikanische Spitzname für Texas, sondern auch Namensgeber für eine Musik-Kneipe im New Yorker Greenwich Village, in der hauptsächlich Country-Musiker auftreten. So weit, so beschaulich -- bis ein Serienkiller auf die Idee kommt, sich Country-Musikern zu widmen, die im "Lone Star" auftreten. Die avisierten Opfer werden vorher auf extravagante Weise gewarnt: In einem unbeschrifteten Umschlag wird ihnen ein Hank-Williams-Song zugeschickt, dessen Text Hinweise auf die ebenfalls, ähäm, extravagante Todesart enthält -- dumm nur, dass sich die Hinweise erst postum entschlüsseln lassen.
Nun kommt Kinky ins Spiel, der früher selber Country-Musiker war und sich noch in der Szene auskennt, sich nun aber als Privatdetektiv durchschlägt. Er stromert scheinbar planlos durchs Village (ich vermute, "Lone Star" eignet sich auch ganz gut als Kneipenführer...), immer auf dem Quivive, dass sich seine beiden Freundinnen, Uptown Judy und Downtown Judy, nicht über den Weg laufen, und führt knochentrockene Monologe [!] mit seiner Katze. Aber er entwickelt auch unmerklich eine vage Idee, wer hinter den Morden stecken könnte und warum, verfolgt seine Spur und stellt schließlich dem Killer eine Falle.
Aber nicht nur der Detektiv Kinky Friedman ist auf dem Quivive, sondern auch der Autor Kinky Friedman ist gewieft genug, um den Leser bis zum Schluss in Atem zu halten. Man hechelt ihm immer ein wenig irritiert hinterher, und im Nachhinein erkennt man die Spuren, die Kinky selbzweit gelegt hat. Dieser Autor-Countrymusiker-Detektiv in Personalunion beherrscht die Methode, den Leser bis zum Ende im Ungewissen zu lassen, so gut wie Agatha Christie in ihren besten Zeiten...
Man ahnt es bereits: Kinky teilt, wie die meisten anderen Figuren und die Romanschauplätze, viele Eigenschaften mit real existierenden Vorbildern; die Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind beabsichtigt (Hoffen wir für einige der Protagonisten, dass sie nicht alle Eigenschaften mit der gleichnamigen Romanfigur teilen...). Natürlich macht einen das ungewöhnliche Verfahren zunächst stutzig, aber diese schier unentwirrbare Verschränkung von Realität und Fiktion ist gelungen. Wem die ganzen Namen und Lokale nichts oder nur wenig sagen (wie z.B. mir), kann sich genauso amüsieren wie ein Insider und durch die New Yorker Szenekneipen bugsieren lassen.
Hinzu kommt das Vergnügen an Kinkys schnoddrigem Hardboiled-Jargon. In bester Chandler-Tradition rekapituliert er sein Abenteuer, und der stets ein wenig unterkühlte Erzählton ("Ich erklärte Ratso alles, was ich wußte. Es dauerte nicht lange") wird vom Wortwitz auf allen Ebenen durchbrochen -- am leichtesten erkennbar sind wohl die Anspielungen auf Songtitel wie "Joe Hill" oder "Wichita Lineman". Aber der Underdog-Tonfall wird auch noch auf anderen Ebenen durchbrochen -- Stevenson-Zitate ("Home is the sailor, home from the sea") und Dylan-Thomas-Anekdoten spielen ebenso eine Rolle wie Anspielungen auf Fernsehsendungen (z.B. Starsky & Hutch, Quincy) und Versatzstücke aus spezifisch jiddischem Witz. Und dann natürlich diese vielen kleinen gemeinen, politisch unkorrekten Seitenhiebe, die die Lektüre zum Vergnügen machen. Schließlich ist Kinky kein ermittelnder Gutmensch, sondern einer, der seinen Zigarrenrauch ungerührt "nur auf Kleinkinder, Grünpflanzen, Vegetarier und alle, die zu dem Zeitpunkt gerade joggen" niedergehen lässt. Wer sarkastische Anmerkungen zur Welt im Allgemeinen und Besonderen mag wie z.B. "Die [Leute draußen vorm Fenster] sehen aus wie gestrichene Zeilen aus einem alten Bob-Dylan-Song" oder "seine tiefe, knarrende Stimme kam aus dem Hörer auf mich zu wie eine Bowlingkugel", sollte sich "Lone Star" schon aus diesem Grund zulegen: Pointierte Fiesheiten, die nahezu immer auf den Punkt treffen, gibt's hier nämlich in ausreichender Zahl.
Obwohl in diesem Krimi viel von Musik und Musikern die Rede ist, so sollten sich unmusikalische Leser und solche, die mit Country nichts am Hut haben, auf keinen Fall abschrecken lassen. Dass die Handlung nicht harmlos dahinplätschert, sondern Rhythmus hat und groovt, dürfte allerdings niemanden stören...
Erfreulich ist auch, dass der Übersetzer Hans-Michael Bock gute Arbeit geleistet und viel Sprachwitz aus dem Original ins Deutsche gerettet hat -- keine ganz leichte Aufgabe vermutlich; über zwei, drei Schnitzer sollte man deswegen hinwegsehen.
Feststeht: "Lone Star" war jedenfalls nicht mein letzter Kinky-Friedman-Krimi.