Was macht ein sehr gutes, ein geniales Album aus? Meines Erachtens ist eine Voraussetzung dafür, dass es auch nach dem x-ten Hören nicht langweilig wird, dass ich es immer wieder gerne höre. Im Gegenzug bedeutet dies jedoch auch, dass diese Art Alben oftmals nach dem ersten Hören eher ernüchternd sind und ihre Wirkung erst später voll entfalten.
London Town habe ich, zumindest was Pauls Postbeatleszeit angeht und abgesehen von dem relativ jungen Chaos and Creation in the Backyard, so oft wie keine andere Platte gehört, und ich höre sie immer noch. Ich liebe dieses Album.
Es wurde halb in einem Londoner Studio aufgenommen, halb auf einem Schiff während einer Karibikkreuzfahrt. Diese Zweiteilung spiegelt eine Dualität der Musik wieder: irgenwo zwischen britischen und karibischen Basics. Als Beispiele mögen zum einen gleich zu Beginn die Sounds von "London Town" und "Cafe on the Left Bank" dienen - und diese Sounds sind allesamt schlicht und einfach schön. Paul mag tiefgründigere Alben gemacht haben - etwa meinen anderen Favorit, das bereits angesprochene, melancholische Chaos and Creation... - schönere, wohlklingendere und trotzdem nicht langweilige jedoch nicht. Mit "Dont Let it Bring You Down" ist auf London Town einer meiner absoluten Favoriten, nicht nur von McCartney, sondern generell. Es ist interessant, dass dieses britischste Lied des ganzen Albums ausgerechnet inmitten der Karibik aufgenommen wurde. Aber wer kennt das nicht, dass in der Fremde das Gespür für die Heimat am deutlichsten greifbar wird? Dieses Gefühl herüberzubringen, das ist Paul McCartney und seinen Wings auf dieser Scheibe exzellent gelungen. "Deliver Your Children", ein Song aus der Feder Denny Lains, ist ein weiteres Highlight London Towns. "With A Little Luck", eine Singleauskopplung, konnte ich zunächst nur schwer einordnen, da ich das Lied natürlich schon vor dem Kauf des Albums kannte und unzählige Male gehört hatte. Trotzdem passt es meines Erachtens sehr gut ins Gesamtkonzept, das insbesondere auf der zweiten Seite deutlich wird - diese wirkt wirklich wie aus einem Guss, und With A Little Luck ist eine angemessene Eröffnung des Reigens, der mit dem fulminanten Abschluss "Morse Moose and the Grey Goose", bei dem man den Aufnahmeort wieder gut nachvollziehen kann, endet. "Der Fluch der Karibik" lässt grüßen. "I'm Carrying" plätschert dahin wie das Boot, auf dem es aufgenommen wurde - einige mögen dies langweilig finden, ich finde es schlicht und einfach schön und nett im besten Sinne. Dass es Tiefgründigeres gibt - geschenkt!
Also mein Fazit: Ein schönes, positives, wohlklingendes Album, ohne dass es eine Penetranz ausstrahlen würde wie sie Pauls 80er Jahre Platten nach Tug of War bis einschließlich Off the Ground m.E. aufweisen. Aber das wäre eine andere Rezension... .