Als Doppelalbum ist's 1979 erschienen, und während ich jetzt die "London Calling"-CD höre, fühl' ich mich 30 Jahre jünger.
The Clash (das sind neben dem genialen Kopf der Truppe Joe Strummer noch Mick Jones, Paul Simonon und Topper Headon) sind eindeutig die musikalischste Punk-Band aller Zeiten -- wenn man sich denn auf die Schublade "Punk" festlegen will. Klar, der Rhythmus ist Punk (meistens), die meisten Songs stampfen in atemberaubendem Rhythmus voran. Unwiderstehlich ist der Drang, die Lautsprecher bis zum Anschlag aufzudrehen.
Aber "London Calling" hat viel mehr zu bieten als das, was man gemeinhin unter Punk versteht: Reggae z.B. kommt immer wieder dominant zum Vorschein, schon auch mal im harmonischen Zusammenspiel mit Jazz, Ska, knallharter Rock'n'Roll und Folk, und ein Hauch von Flamenco (z.B. in "Spanish Bombs") lässt sich auch mit Punk verbinden. Was die Texte angeht -- die sind mindestens so intelligent wie die Musik; von wegen "'demolition' bis zum Abwinken"! Die thematische Bandbreite reicht von geharnischtem Thatcher-Schmäh über den Spanischen Bürgerkrieg, Drogenmissbrauch quer durch die sozialen Schichten bis hin zu Hommages an Montgomery Clift ("The Right Profile") und Stagger Lee.
Entsprechend musikalisch vielseitig ist das Album -- einige Beispiele: Nach dem knallharten Auftakt ("London Calling", "Brand New Cadillac") folgt mit "Jimmy Jazz" das Kontrastprogramm: Eine gewitzte Kombination aus Reggae und Jazz -- allerdings mit Bigband-Sound à la Clash, also höchst minimalistisch und höchst wirkungsvoll. So lass ich's mir gefallen! "Rudie Can't Fail" wiederum ist ein quietschlebendiger Reggae/Ska-Mix. -- Manchmal werden auch, z.B. in "The Right Profile", stampfender Punk-Rhythmus à la Sex Pistols kombiniert mit einer leicht jazziger Bläsersektion... "Clampdown" und "Four Horsemen" wiederum bestechen durch raffinierten Minimalismus, "hier rotzt der Chef", um dann plötzlich mitten im Song einen Gang zuzulegen, und "The Guns of Brixton" ist ein schlichtweg genialer Punk-Reggae. "Wrong'em Boyo" ist eine Reggae-Hommage an Stagger Lee, natürlich mit Folkrock-Anklängen... und "The Card Cheat" hat nix mehr mit Punk zu tun, außer dem Rhythmus, ohne den dieser Track vielleicht hart an der Schmalzgrenze läge. Aber er hat nunmal diesen Rhythmus, bei dem alles mitmuss.
Gleich danach kommt wieder ein scharfer Kontrast: Das herrlich unterkühlte "Lover's Rock". Dann wieder ein Reggae, der schwer nach Bob Marley klingt, ohne ein platter Abklatsch zu sein (die Drums!), oder "I'm Not Down", edler Gitarrenrock, bei dem auch Drummer und Bassist zeigen, was sie alles draufhaben -- und "Train in Vain" als fulminantes Schlusswort ist astreiner Pop mit minimalen Punk-Spuren (Sie können's halt nicht lassen, zum Glück!)... Wie gesagt: Diese Liste ist sehr, sehr unvollständig.
Kurz: The Clash lassen sich bei jedem Song was Neues einfallen, und klingen tut's auch nach knapp 30 Jahren noch immer wie funkelnagelneu aus dem Studio. Kein Wunder, dass "Q" und der "Rolling Stone" das Album zu den besten Alben aller Zeiten rechnen.