Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Buch selbst entstand im amerikanischen Exil. Was sie berichtet, ereignete sich noch in Teheran, wo sie nach ihrer freiwilligen Demission aus dem Hochschuldienst im Schutz ihrer Wohnung mit den Teilnehmerinnen an ihrem Privatseminar konspirativ Werke der Weltliteratur studierte. Unter anderem die titelgebende Lolita Vladimir Nabokovs oder auch Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Allesamt Werke jedenfalls, die im Zuge der islamischen Kulturrevolution als dem organisierten "Versuch, den Iran von der so genannten dekadenten westlichen Kultur zu säubern" von den Leselisten an den Universitäten verschwanden. Bei der gemeinsamen Lektüre lernen sich die Frauen von Seiten kennen, die sie in ihrem sonstigen Leben sorgsam verbergen müssen, wie ihr Haar unter dem Schleier. Und auch für uns Leser eröffnet sich eine völlig neue Sicht auf den Iran und die Menschen, die sich dort auch unter widrigen Umständen die Freiheit ihres Intellekts erhalten
Dass das Buch ausgerechnet in Amerika so rege Aufmerksamkeit gefunden hat und dort viele Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten stand, ist ein gutes Zeichen und wirft ganz nebenbei auch auf dieses Land ein neues Licht. Eines, das ebenfalls Anlass zur Hoffnung gibt. -- Hasso Greb -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Pressestimmen
»Ein vieldimensionales Werk über Identität und Befreiung durch die Begegnung mit großer [westlicher] Literatur.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung )
»Eine Studie über die Macht der Sprache und ein Plädoyer für die Freiheit des Lesens.« (Rheinischer Merkur )
Kurzbeschreibung
Als die iranische Literaturprofessorin Azar Nafisi den Schleier nicht länger tragen will, wird sie von der Universität Teheran verwiesen – und erfüllt sich einen Traum. Zwei Jahre lang kommen sie und sieben ihrer besten Studentinnen jeden Donnerstagmorgen heimlich zusammen, um verbotene Klassiker der westlichen Literatur zu lesen. Mit der Lektüre von Vladimir Nabokov, Jane Austen, Henry James und F. Scott Fitzgerald schaffen sie sich Freiräume in der ihnen aufgezwungenen Enge der Islamischen Republik Iran. Aus verstohlen in ihr Haus huschenden schwarz verschleierten Schatten werden junge Frauen in Jeans und bunten Kleidern. Sie öffnen sich in der Diskussion über die literarischen Werke und beginnen die eigene Realität, der gegenüber sie sich lange sprachlos und ohnmächtig fühlten, zu hinterfragen und zu verändern.
Klappentext
Ruth Klüger
»Ich war bezaubert und bewegt von Azar Nafisis Geschichte, wie sie und - mit ihrer Hilfe - andere sich dem radikalen Kampf des Islam gegen Frauen widersetzten.«
Susan Sontag
»Überwältigend. Ein literarisches Rettungsboot auf dem Meer des iranischen Fundamentalismus.«
Margaret Atwood
Über den Autor
Auszug aus Lolita lesen in Teheran von Azar Nafisi. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Nachdem ich meine letzte Stelle an der Universität aufgegeben hatte, wollte ich mir im Herbst 1995 etwas Gutes tun und mir einen Traum erfüllen. Ich wählte sieben meiner besten und engagiertesten Studentinnen aus und lud sie jeden Donnerstagmorgen zu mir nach Hause ein, um dort über Literatur zu diskutieren. Die Gruppe bestand nur aus Frauen - es wäre zu riskant gewesen, eine gemischte Klasse in der privaten Sphäre meines Hauses zu unterrichten, auch wenn wir nur harmlose Romane gelesen hätten. Ein Student, der von unserem Unterricht ausgeschlossen war, ließ allerdings nicht locker. Also erhielt auch Nima die Texte, die gerade verteilt wurden, und an bestimmten Tagen kam er zu mir nach Hause, um über die Bücher zu sprechen, die wir gerade lasen.
Ich erinnerte meine Studentinnen oft scherzhaft an "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" von Muriel Spark und fragte: Wer von euch wird mich schließlich verraten? Denn ich bin von Natur aus pessimistisch und war sicher, daß sich zumindest eine mit mir überwerfen würde. Nassrin bemerkte darauf einmal spitz, ich hätte ihnen doch gesagt, daß letztlich wir selbst es seien, die uns verraten und uns wie Judas gegenüber Christus verhalten würden. Manna wies darauf hin, daß ich nicht Miss Brodie sei, und sie, nun, sie seien eben, was sie seien. Sie erinnerte mich an eine Warnung, die ich oft und gern wiederholte: Versuchen Sie nie, unter keinen Umständen, ein dichterisches Werk zu verharmlosen, indem Sie es in einen Abklatsch des wirklichen Lebens verwandeln. Was wir in der Literatur suchen, ist nicht so sehr die Wirklichkeit als vielmehr das Aufscheinen der Wahrheit. Aber wenn ich, was ich ungern täte, das literarische Werk aussuchen müßte, in dem sich die meisten Anklänge an unser Leben in der Islamischen Republik Iran finden, dann wäre es wahrscheinlich nicht Die Blütezeit der Miss Jean Brodie oder 1984, sondern Nabokovs Einladung zur Enthauptung oder noch besser: Lolita.
An meinem letzten Abend in Teheran, zwei Jahre nach unserem ersten Donnerstagmorgen-Seminar, kamen einige Freunde und Studentinnen, um mir beim Packen zu helfen und sich von mir zu verabschieden. Als wir das Haus vollkommen leer geräumt hatten, alle Sachen verstaut und die bunten Farben wie herumirrende Geister, die sich wieder in ihre Flaschen verziehen, in acht grauen Koffern verschwunden waren, stellten meine Studentinnen und ich uns vor die nackte weiße Wand des Eßzimmers und machten zwei Fotos.
Diese beiden Fotos liegen jetzt vor mir. Auf dem ersten stehen sieben Frauen vor einer weißen Wand. Sie tragen, dem Gesetz des Landes entsprechend, schwarze Kleider und Kopftücher und sind bis auf das Oval des Gesichts und die Hände vollkommen verhüllt. Auf dem zweiten Bild dieselbe Gruppe, die gleiche Haltung, vor derselben Wand. Nur daß die Frauen ihre Verhüllung abgelegt haben. Die Farbtupfen springen sofort ins Auge. Durch die Farben und den Stil ihrer Kleidung, die Farbe und Länge ihrer Haare bekommt jede etwas Charakteristisches. Nicht einmal die beiden, die auch hier ihr Kopftuch tragen, sehen gleich aus.
Ganz rechts außen auf dem zweiten Bild steht unsere Dichterin, Manna, in weißem T-Shirt und Jeans. Sie machte aus Dingen, die die meisten nicht weiter beachten, Poesie. Auf dem Foto ist jedoch nichts von ihren eigenartig stumpfen, dunklen Augen zu sehen, die Mannas in sich gekehrtem, verschlossenem Charakter entsprechen.
Gleich neben ihr steht Mahshid, deren langes schwarzes Kopftuch nicht recht zu ihren feinen Gesichtszügen und dem vorsichtigen Lächeln paßt. Mahshid kannte sich in vielen Dingen gut aus, aber sie benahm sich auch gerne etwas geziert, so daß wir sie schließlich mit »Mylady« anredeten. Nassrin meinte dazu immer, wir würden damit allerdings weniger über Mahshid aussagen als vielmehr dem Wort Lady eine neue Dimension verleihen. Mahshid ist sehr sensibel. Sie sei wie Porzellan, sagte Yassi einmal zu mir, sehr zerbrechlich. Darum wirkt sie auch auf jemanden, der sie nicht gut kennt, so schwach. Aber wehe dem, der ihr zu nahe kommt. Was mich angeht, so fuhr Yassi gutmütig fort, ich bin wie gutes altes Plastik: Egal, was man mit mir anstellt, ich geh nicht kaputt.
Yassi war die Jüngste in unserer Gruppe. Sie ist die in Gelb, die sich nach vorne beugt und sich vor Lachen kaum halten kann. Manchmal zogen wir sie auf und nannten sie unsere Comedy-Queen. Yassi war von Natur aus schüchtern, aber bei bestimmten Dingen erwachte ihr Temperament, und sie verlor jegliche Hemmungen. Mit ihrem sanften Spott konnte sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst in Frage stellen.
Ich bin die in Braun, direkt neben Yassi, der ich einen Arm um die Schulter lege. Gleich hinter mir steht Azin, die größte meiner Studentinnen, mit ihrem langen blonden Haar und einem rosa T-Shirt. Wie wir anderen lacht auch sie. Aber Azins Lächeln sah nie wie ein Lächeln aus, es wirkte mehr wie der Vorbote einer unbezähmbaren, nervösen Heiterkeit. Sie strahlte auf eine ganz eigene Art, selbst wenn sie von den jüngsten Problemen mit ihrem Ehemann erzählte. Azin, immer leidenschaftlich und unverblümt, genoß es, wenn sie die anderen mit dem, was sie sagte und tat, schockieren konnte, und geriet oft mit Mahshid und Manna aneinander, was ihr schließlich bei uns den Spitznamen »die Wilde« einbrachte.
Auf der anderen Seite neben mir erkennt man Mitra, die vielleicht Ruhigste von uns allen. Wie die Pastellfarben in ihren Gemälden schien auch sie sich uns immer mehr zu entziehen und in diffusere Gefilde zu entschweben. Zwei wunderbare Wangengrübchen verliehen ihrer Schönheit eine ganz eigene Note, die sie, wenn sie sich jemanden gefügig machen wollte, durchaus einzusetzen wußte.
Sanaz, die sich immer von Familie und Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlte und zwischen ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit und dem Bedürfnis nach Anerkennung schwankte, hält sich an Mitras Arm fest. Alle lachen wir. Unser unsichtbarer Teilnehmer, der Fotograf, ist Nima, Mannas Ehemann und der einzige wirkliche Literaturtheoretiker unter meinen Studenten - hätte er nur die Ausdauer gehabt, die brillanten Essays, die er begonnen hatte, auch fertigzustellen.
Es gab noch eine Studentin, die aber nicht auf den Fotos ist: Nassrin, die nicht bis zum Ende dabei war. Aber meine Geschichte wäre unvollständig ohne die, die nicht bei uns bleiben wollten oder konnten. Ihre Abwesenheit wirkt immer noch nach, wie ein akuter Schmerz, der keine physische Ursache mehr zu haben scheint. Das ist Teheran für mich: Das, was fehlte, war realer als das, was da war.
Wenn ich mir Nassrin heute vorstelle, dann ist ihr Bild leicht verschwommen, unscharf, irgendwie weit weg. Ich bin die Fotos durchgegangen, die von meinen Studenten und mir im Lauf der Zeit gemacht wurden, und Nassrin ist auf vielen davon zu sehen, aber immer versteckt hinter etwas - einer Person oder einem Baum. Auf einer Aufnahme stehe ich mit acht Studentinnen in dem kleinen Garten vor unserem Fakultätsgebäude, der Kulisse so vieler Abschiedsbilder in all den Jahren. Im Hintergrund eine schattenspendende Weide. Wir lächeln, und in einer Ecke, hinter der größten Studentin, guckt Nassrin hervor, wie ein kleiner Kobold, der spitzbübisch in einer Szenerie auftaucht, in der er eigentlich nichts zu suchen hat. Auf einem anderen Bild ist in dem engen V, das die Schultern zweier anderer Mädchen bilden, kaum ihr Gesicht zu erkennen. Sie sieht merkwürdig geistesabwesend aus und schaut so finster drein, als ob sie nicht bemerken würde, daß sie gerade fotografiert wird.
Wie läßt sich Nassrin beschreiben? Ich habe sie einmal in Anspielung auf Alice im Wunderland die »Grinsekatze« genannt, die an unerwarteten Wendepunkten meines akademischen Lebens auftauchte und wieder verschwand. Die Wahrheit ist: Ich kann sie nicht beschreiben, nicht in Worte fassen. Man kann nicht mehr sagen, als daß Nassrin eben Nassrin war.
Beinahe zwei Jahre lang, fast jeden Donnerstagmorgen, bei Sonne oder Regen kamen sie zu mir nach Hause, und beinahe jedes Mal traf es mich wieder wie ein Schock, wenn sie die vorgeschriebenen Schleier und Umhänge ablegten und die Farben förmlich aus ihnen herausplatzten. Wenn meine Studentinnen diesen Raum betraten, legten sie mehr ab als nur ihre Kopftücher und Mäntel. Schritt für Schritt gewann jede von ihnen an Kontur und Gestalt und wurde so ein eigenständiges, einzigartiges Wesen. Unsere Welt in diesem Wohnzimmer mit seinem Ausblick auf mein geliebtes Elbursgebirge wurde zu unserem Zufluchtsort, einem geschlossenen Universum, das der Realität voller schwarz verschleierter, ängstlich dreinblickender Gesichter in der unter uns liegenden Stadt trotzte.
Das Thema des Seminars war der Zusammenhang zwischen Fiktion und Realität. Wir lasen klassische persische Literatur, wie die Erzählungen unserer eigenen Grande Dame der Literatur, Scheherazade, aus Tausendundeiner Nacht und parallel dazu westliche Klassiker wie Stolz und Vorurteil, Madame Bovary, Daisy Miller, Der Dezember des Dekan und, ja tatsächlich, Lolita. Während ich die Titel der einzelnen Bücher hinschreibe, vertreiben die mit dem Wind hereinwirbelnden Erinnerungen die Ruhe dieses Herbsttages, den ich in einem anderen Zimmer, in einem anderen Land verbringe.
In dieser anderen Welt, die so oft in unseren Diskussionen eine Rolle spielte, sitze ich hier und heute und stelle sie mir wieder vor, meine Mädchen, wie ich sie bald nannte, stelle mir vor, wie wir Lolita lasen, in einem trügerisch sonnigen Raum in Teheran. Aber, um es mit den Worten von Humbert, dem Dichter/Verbrecher aus Lolita, auszudrücken: »Ich brauche Sie, die Leser, in deren Phantasie wir leben, und ohne die wir nicht wirklich existieren werden.« Versuchen Sie uns vor dem Hintergrund der Tyrannei von Zeit und Politik zu sehen, wie wir uns manchmal selbst nicht sehen konnten: in unseren intimsten und geheimsten Momenten, in den außergewöhnlichsten gewöhnlichen Lebenslagen, beim Musikhören, wenn wir uns verliebten, düstere Straßen entlanggingen oder in Teheran Lolita lasen. Und dann stellen Sie sich vor, wie wir lebten, nachdem all das verboten, in den Untergrund gedrängt und uns weggenommen worden war.
Ich schreibe heute über Nabokov, weil ich damit die Tatsache würdigen will, daß wir trotz aller Hindernisse in Teheran Nabokov gelesen haben. Von all seinen Romanen wähle ich den, den ich zuletzt im Unterricht behandelt habe und der mit so vielen Erinnerungen verknüpft ist. Ich will zwar über Lolita schreiben, aber ich kann zumindest jetzt nicht über diesen Roman schreiben, ohne auch über Teheran zu schreiben. Dies also ist die Geschichte von Lolita in Teheran. Sie handelt davon, wie Lolita Teheran eine neue Farbe verlieh und wie Teheran mit daran beteiligt war, daß wir Nabokovs Roman neu lasen und er damit zu dieser Lolita, unserer Lolita wurde.
Und so versammelten wir uns an einem Donnerstag Anfang September zu unserem ersten Treffen in meinem Wohnzimmer. Hier kommen sie, noch einmal. Zuerst höre ich die Klingel, eine Pause, und das Schließen der Haustür. Dann Schritte, die die Wendeltreppe heraufkommen, vorbei am Apartment meiner Mutter. Während ich zur Wohnungstür gehe, erspähe ich durch das Seitenfenster ein Stück Himmel. Sobald sie an der Tür sind, nehmen alle Mädchen Umhang und Kopftuch ab, manchmal schütteln sie dabei die Haare. Sie warten einen Moment, bevor sie das Zimmer betreten. Aber: Dieses Zimmer gibt es nicht mehr, nur die quälende Leere der Erinnerung.
Das Wohnzimmer war mehr als jeder andere Ort in unserem Haus ein Symbol für mein nomadisches und unstetes Leben. Ein Sammelsurium an ausgefallenen Möbelstücken, die aus den unterschiedlichsten Zeiten und Orten stammten, teils aus finanziellen Gründen, teils wegen meines eklektischen Geschmacks. Diese an sich unvereinbaren Elemente ergaben zusammen eine merkwürdige Harmonie, die den anderen, einheitlicher eingerichteten Räumen der Wohnung fehlte.
Meine Mutter machte es jedes Mal ganz verrückt, wenn sie die an die Wand gelehnten Bilder, die Blumenvasen auf dem Boden oder die Fenster ohne Vorhänge sah, die ich mich weigerte zuzuhängen, bis ich schließlich ermahnt wurde, daß Fenster in einem islamischen Land zu verhüllen seien. »Ich weiß nicht, bist du wirklich meine Tochter?« jammerte sie immer. »Habe ich dir nicht beigebracht, wie man Ordnung hält?« Ihre Stimme klang ernst, aber sie beklagte sich nun seit so vielen Jahren darüber, daß es fast schon zu einem zärtlichen Ritual geworden war. »Azi« - das war mein Kosename - »Azi«, sagte sie, »du bist jetzt eine erwachsene Frau, also benimm dich auch so.« Aber ihr Tonfall hatte auch etwas, das mich jung, verletzlich und eigensinnig werden ließ, und noch heute, wenn ich mir ihre Stimme ins Gedächtnis rufe, weiß ich, daß ich ihre Erwartungen nie ganz erfüllt habe. Ich bin nie die Dame geworden, die sie aus mir machen wollte.
Dieser Raum, um den ich mich damals nie sehr gekümmert habe, hat heute für mich, da er zu einem wertvollen Objekt meiner Erinnerung geworden ist, eine ganz andere Bedeutung. Er war ziemlich groß, aber nur spärlich möbliert. In einer Ecke befand sich der Kamin, eine phantasievolle Kreation meines Mannes Bijan. An einer Wand stand ein kleines Sofa, über das ich eine Spitzendecke gelegt hatte, ein Geschenk meiner Mutter aus grauer Vorzeit. Gegenüber dem Fenster eine pfirsichfarbene Couch, dazu zwei passende Stühle und ein großer quadratischer Tisch mit Glasplatte.
Mein Platz war immer der Stuhl, der mit dem Rücken zum Fenster stand, das sich auf eine breite Sackgasse namens Azar hin öffnete. Direkt gegenüber befand sich das einstige Amerikanische Krankenhaus, früher klein und exklusiv, jetzt eine laute, überbelegte Klinik für verwundete und invalide Kriegsopfer. An den Wochenenden - im Iran Donnerstag und Freitag - war die kurze Straße voller Krankenhausbesucher, die wie zu einem Picknick Sandwiches und Kinder mitbrachten. Der Garten vor dem Haus des Nachbarn, der sein ganzer Stolz und seine ganze Freude war, war ihr Hauptangriffsziel, besonders im Sommer, wenn sie sich bei seinen geliebten Rosen bedienten. Wir hörten die Kinder schreien, weinen und lachen und dazwischen das Geplärr ihrer Mütter, wenn sie nach ihnen riefen und mit Strafen drohten. Manchmal drückte eines der Kinder unsere Türklingel und rannte weg, um diesen »gefährlichen« Streich in bestimmten Abständen zu wiederholen.
Von unserer Wohnung im ersten Stock - meine Mutter bewohnte das Erdgeschoß, die Wohnung meines Bruders im zweiten Stock stand oft leer, seit er nach England gegangen war - konnten wir die oberen Zweige eines Baumes mit ausladender Krone sehen, und in der Ferne über den Dächern das Elbursgebirge. Der Blick auf die Straße, das Krankenhaus und seine Besucher aber war uns durch eine Art Zensur versperrt, sie lebten in unserer Wahrnehmung nur durch die körperlosen Stimmen, die zu uns heraufdrangen.
Von meinem Platz aus konnte ich meine Lieblingsberge nicht sehen, aber direkt gegenüber von meinem Stuhl hing an der Wand des Eßzimmers ein antiker ovaler Spiegel, ein Geschenk meines Vaters, und darin sah ich die Berge, die selbst im Sommer schneebedeckt waren, und die Bäume mit ihrem sich wandelnden Farbenspiel. Dieser zensierte Blick verstärkte bei mir den Eindruck, daß der Lärm nicht von der Straße käme, sondern von einem weit entfernten Ort, einem Ort, dessen ständiges Summen unsere einzige Verbindung war zu einer Welt, die wir, für diese wenigen Stunden, nicht zur Kenntnis nehmen wollten.
Dieser Raum wurde für uns alle ein Ort der Grenzüberschreitung. Was für ein Märchenland! Wir saßen um den großen, mit Blumensträußen bedeckten Couchtisch und lebten in und aus den Romanen, die wir lasen. Im Rückblick bin ich verblüfft, wieviel wir, ohne es recht zu merken, lernten. Um es mit Nabokov zu sagen: Wir spürten an uns selbst, wie aus einem ganz gewöhnlichen Kiesel ein Edelstein werden kann - durch das magische Auge der Literatur.
Sechs Uhr früh: der erste Kurstag. Ich war schon auf. Zu aufgeregt für ein richtiges Frühstück, setzte ich Wasser auf und nahm erst einmal eine ausgiebige Dusche. Das Wasser streichelte meinen Hals, meinen Rücken, meine Beine, und ich fühlte mich gleichzeitig fest verwurzelt und leicht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren empfand ich eine Vorfreude, die nicht durch Anspannung getrübt war: keine quälenden Rituale wie in der Zeit, in der ich an der Universität gelehrt hatte - Rituale, die meine Kleidung und mein Verhalten bestimmten und mich zur Selbstkontrolle nötigten. Auf diese Unterrichtsstunde würde ich mich anders vorbereiten.
Das Leben in der Islamischen Republik war unbeständig wie der April. Auf Sonnenschein folgten plötzlich Regenschauer und Sturm. Es war unberechenbar: In diesem Regime folgten Zeiten der Toleranz und Zeiten drastischer Maßregelung fast zyklisch aufeinander. Nach einer Phase relativer Ruhe und sogenannter Liberalisierung waren jetzt wieder härtere Zeiten eingekehrt. Wieder einmal hatten die Kulturpuristen sich auf die Universitäten eingeschossen und erließen immer strengere Vorschriften. Das ging sogar so weit, daß Männer und Frauen in den Seminaren getrennt wurden und ungehorsame Professoren mit Bestrafung zu rechnen hatten.
Die Universität von Allameh Tabatabai, an der ich seit 1987 unterrichtete, galt als eine der liberalsten Universitäten des Iran. Man munkelte, daß jemand im Bildungsministerium die rhetorische Frage gestellt habe, ob die Fakultäten von Allameh denn meinten, sie befänden sich in der Schweiz! Die Schweiz war eine Art Synonym für westliche Laxheit geworden. Jeder Plan und jedes Vorgehen, die als unislamisch galten, wurden mit der höhnisch-vorwurfsvollen Bemerkung kommentiert, der Iran sei schließlich nicht die Schweiz.
Die Studenten litten am meisten darunter. Hilflos hörte ich mir ihre endlosen Klagen an. Studentinnen wurden bestraft, weil sie die Treppen hoch rannten, wenn sie spät dran waren, weil sie in den Fluren lachten, weil sie mit männlichen Studenten sprachen. Eines Tages war Sanaz am Ende der Vorlesung tränenüberströmt in den Hörsaal geplatzt. Schluchzend hatte sie erzählt, daß sie zu spät kam, weil eine Wächterin am Tor in ihrer Handtasche Rouge entdeckt hatte und sie mit einer Rüge hatte nach Hause schicken wollen.
Warum hatte ich so plötzlich aufgehört zu lehren? Diese Frage hatte ich mir schon oft gestellt. Lag es an der nachlassenden Qualität der Universität? An der immer größer werdenden Gleichgültigkeit der Fakultätsmitglieder und Studenten? Dem täglichen Kampf gegen Willkürregeln und Restriktionen?
Lächelnd erinnerte ich mich, während ich mir mit einem rauen Luffaschwamm den Körper abrieb, an die Reaktion der Universitätsverwaltung auf mein Kündigungsschreiben. Die Beamten hatten mich auf alle erdenklichen Arten schikaniert und eingeengt, kontrolliert, mit wem ich Umgang hatte, mein Tun und Lassen überwacht, eine längst fällige Festanstellung torpediert, doch als ich kündigte, hatten sie plötzlich Mitleid mit mir und weigerten sich, die Kündigung zu akzeptieren. Das versetzte mich nun auch wieder in Wut. Die Studenten hatten angedroht, den Unterricht zu boykottieren, und später fand ich zu meiner Genugtuung heraus, daß sie in der Tat trotz Strafandrohungen meinen Nachfolger boykottiert hatten. Jeder glaubte, ich würde letzten Endes doch noch weich werden und zurückkommen.
»Was wirst du denn jetzt machen?« fragten mich meine Freunde. »Wirst du einfach zu Hause bleiben?« Ich könnte ja wieder ein Buch schreiben, erklärte ich ihnen. Aber in Wahrheit hatte ich keine konkreten Pläne. Ich war immer noch mit den Schockwellen beschäftigt, die die Veröffentlichung meines Nabokov-Buches ausgelöst hatte. Für ein neues Buch hatte ich bislang nicht mehr als ein paar vage Ideen im Kopf. Ich konnte natürlich die Zeit auf angenehme Weise mit dem Studium persischer Klassiker füllen. Aber es gab doch ein bestimmtes Projekt, eine Idee, die ich seit Jahren heimlich hegte. Lange hatte ich davon geträumt, einen speziellen Kurs abzuhalten, einen, der mir die Freiheit ließ, die mir beim offiziellen Unterricht verwehrt war. Ich wollte einige ausgewählte Studentinnen unterrichten, die sich ganz dem Studium der Literatur verschrieben hatten, Studentinnen, die nicht von der Regierung ausgewählt worden waren und sich nicht deshalb für Englische Literatur entschieden hatten, weil sie in anderen Fächern nicht zugelassen worden waren oder weil es ihrer Karriere nützte.
Die Lehrtätigkeit in der Islamischen Republik war, wie jeder andere Beruf, der Politik untergeordnet und willkürlichen Regeln unterworfen. Die Freude am Unterrichten wurde von Schikanen des Regimes getrübt - wie gut kann Unterricht sein, wenn es der Universitätsverwaltung nicht um die Qualität der Arbeit, sondern um die Farbe der Lippen und das subversive Potential einer einzelnen Haarsträhne geht?
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
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