"Lolita lesen in Teheran" ist eines der besten Bücher über Literatur UND Politik, das in den letzten Jahren erschienen ist. Die Autorin, Literaturdozentin, behandelt das bereits paradox klingende Thema: "Westliche Literatur lesen in einem Gottesstaat" in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Der westliche Leser mag zunächst einmal überrascht sein, dass dies, zumindest teilweise, sogar mit Billigung des islamischen Regimes möglich war / ist, dass nach der "Revolution" überhaupt noch Anglistik mit literarischem Anspruch und nicht als reine anti-westliche Propagandaveranstaltung an iranischen Unis gelehrt wurde. Zwiwchen den Zeilen macht die Autorin deutlich, auch wenn dies nicht ihre primäre Absicht sein dürfte, dass auch der Westen in punkto Iran an einem Klischee klebt. Wer erinnert sich nicht an die Fernsehbilder der scheinbar uniformen Masse fanatischer Anhänger, die 1989 den Tod Khomeinis beklagten? Doch nicht alle Iraner waren untröstlich, zeigt die Autorin, noch nicht einmal all derjenigen, die zum Begräbnis geeilt waren. Doch obwohl die Autorin unerwartete Nischen in diesem für uns so monolithisch erscheinenden Staat aufzeigt, stellt sie glasklar und auf bedrückende Weise die Unmenschlichkeit eines Systems dar, in dem Frauen wegen zu langer Fingernägel und anderer Nichtigkeiten gedemütigt, verfolgt, verhaftet werden und "Regimekritiker" bereits oft wegen kleiner Vergehen gefoltert und ermordet werden. Auch ein Gottesstaat wird nur von Menschen regiert. Und wie jede Diktatur bietet er Unmenschen ungeahnte "Karrierechancen", den Hardlinern, den Sadisten, den Opportunisten. Doch das eigentlich Erstaunliche ist, dass es in jeder Diktatur, so auch im Iran, Menschen gibt, die sich nicht verbiegen und verblenden lassen. Bei der Autorin und ihren Studenten hat die Literatur daran großen Anteil. Denn große Romane stellen den Menschen nie eindimensional, sondern mit all seinen Facetten dar. Wie groß diese Kraft der Literatur ist, zeigt sich etwa daran, dass sich die Autorin, trotz ihrer Wut auf die Islamisten, versucht, in die Psyche eines Fanatikers zu versetzen, der in der Uni öffentlich Selbstmord begeht. Denn, so überlegt sie, geschult etwa an der Lektüre der Romane Henry James, auch diese Person habe vielleicht mehrere Gesichter.
Durch Nafisis Buch kann man mehr über die jüngere Geschichte des Irans erfahren als aus dicken politischen und historischen Kompendien, da die Geschichte der Menschen aus mehr besteht als aus chronologischen Abläufen stringenter Fakten.