1955 erschien Vladimir Nabokovs Skandalroman "Lolita", der zu recht die Frage aufwirft, ob man sich bei einer moralisch fragwürdigen Geschichte unterhalten kann. Denn, machen wir uns nichts vor, "Lolita" ist eine Geschichte um Pädophilie und Kindesmissbrauch. Die makellose Sprache Nabokovs und der geradezu satirische Blick eines Europäers auf die USA sind aber auch ein großer Genuss.
Logischerweise muss bei einer Verfilmung beachtet werden, was man ändern muss, um das brisante Thema nicht zu verharmlosen, aber auch kein langweiliges Lehrstück zu machen. Als erstes wurde der Autor selbst für das Drehbuch verpflichtet. Abweichend vom Roman ist Lolita nun nicht 12, sondern etwa 14 oder 15 Jahre alt. Sex wird nicht ausdrücklich erwähnt, geschweige denn dargestellt, so dass es der Phantasie des Zuschauers überlassen wird, wie weit die "unangemessene" Beziehung Lolitas zu Humbert Humbert geht. Als drittes wurde auf die dramaturgische Klammer verzichtet, die die schicksalhafte Verbindung der beiden verdeutlicht, indem die beiden fast zur gleichen Zeit sterben. Hier wird Lolita eine Zukunft ohne Humbert in Aussicht gestellt.
Kurz zur Handlung: Der englische Literaturprofessor Humbert Humbert (James Mason) zieht für eine neue Stelle in die USA und sucht eine neue Bleibe. Zwar fühlt er sich etwas genervt von der verwitweten Vermieterin Charlotte Haze (Shelley Winters), als er aber ihre Tochter Lolita (Sue Lyon) sieht, entschließt er sich zu bleiben. Zur Tarnung seiner Leidenschaft für die Kindfrau heiratet er Charlotte, der allerdings Humberts wahre Gefühle nicht lange verborgen bleiben. Außer sich vor Wut und Enttäuschung verunglückt sie tödlich. Humbert scheint am Ziel seiner Wünsche zu sein, Lolita für sich zu haben. Allerdings hat er nicht mit Clare Quilty (Peter Sellers) gerechnet, der ihm sehr bald Lolita abspenstig macht.
Manche Puristen vermissen in "Lolita" den typischen Kubrick-Touch. Mag sein, in erster Linie ist der Film erstklassiges Darstellerkino. James Mason zieht alle Register und ist als bitterböser, kühl vorgehender Egoist genauso abstoßend wie als hoffnungslos Liebender bemitleidenswert. Eine Schlüsselszene für seine sexuelle Obsession ist, als er Lolita die Zehnägel lackiert und sich über die Hausarbeit beklagt, bei der sie ihm nicht hilft. Als er ganz zum Schluss erkennen muss, dass er Lolita für immer verloren hat, ist er nur noch ein Häufchen Elend.
Shelley Winters, die in den 40er Jahren auf die starke, sexuell attraktive Frau abonniert war, zeigt eine zu Herzen gehende Darstellung einer vereinsamten, liebeshungrigen Frau. Wie schon in "Ein Platz an der Sonne" ist sie hier die ungeliebte, betrogene Frau, die durch die Schuld ihres Geliebten stirbt. Ihre Schwäche wird sowohl von Humbert als auch von Quilty ausgenutzt und auch noch der Lächerlichkeit preisgegeben.
Peter Sellers spielt den Literaten Clare Quilty, in den sich Lolita verliebt. Begabt, chamäleonhaft und destruktiv benutzt er die Menschen zu seinem Vergnügen. Dass er kein adäquater Partner für Lolita ist, mindert aber Humberts Schuld nicht. Im Gegensatz zum Buch, in dem die Figur Quiltys erst langsam in das Bewusstsein Humberts und des Lesers einsickert, ist die Darstellung durch einen so exaltierten Schauspieler wie Sellers auch ein Problem, da der aufmerksame Zuschauer schnell merkt, dass sich hinter den scheinbar vielen Leuten (Polizist, Schulpsychologe, nächtlicher Anrufer usw.) immer derselbe Mann verbirgt. Da aber "Lolita" kein Thriller ist, sondern das Psychogramm eines Intellektuellen, der wenig reflektiert seine Libido auslebt, fällt dies nicht so ins Gewicht.
Manche Nörgeleien an der Darstellung Sue Lyons kann ich nicht nachvollziehen. Gerade weil sie keine brillante Schauspielerin ist, ist sie für die Rolle sehr geeignet. Lolita ist ein Kind, das die Beziehung zu Humbert nur als geringeres Übel gegenüber einem Erziehungsheim ansieht. Ihre vermeintliche Raffinesse ist nur ihre Rache gegenüber dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Eine raffinierte Darstellung hätte sie nicht wie das Opfer, das sie ist, erscheinen lassen können. Es ist gut nachvollziehbar, dass Sue Lyon darauf nur schwer eine solide Schauspielkarriere gründen konnte.
Grund für die sehr zwiespältige Aufnahme des Films ist sicherlich sein zeitweise rabenschwarzer Humor. Dialog und Schnittfolge führen zu mancher Pointe, das Lachen bleibt aber im Halse stecken. Kurz nachdem Humbert mit dem Gedanken gespielt hat, seine Frau zu ermorden, wirkt die Pistole plötzlich wie ein Hinweis darauf, dass sich der trauernde Witwer womöglich das Leben nehmen möchte. Und woran Humbert denkt, wenn seine Frau pausenlos auf ihn einredet, ist bitterböse und unterhaltsam absurd.
Sue Lyon erhielt einen Golden Globe als beste Newcomerin, das Drehbuch ist oscarnominiert.
Der Film liegt in guter Bildqualität vor, Untertitel in Deutsch, Englisch und 17 weiteren Sprache. Als Extra gibt es nur den Originaltrailer.
Eine gelungene Literaturadaption mit darstellerischen Topleistungen. Sehr zu empfehlen.