Hmmm... eigentlich klang die Sache ja vielversprechend: Wolfgang Messerschmidt schreibt über Lokomotivtechnik. Kennt man den Autor -- und ich habe schon einige Werke von ihm gelesen -- so kann das schon Erwartungen wecken. Zum Beispiel, dass einem endlich jemand leicht verständlich das nötige Grundwissen über den Bau von Lokomotiven vermittelt. Ein Werk also, das einem zum Beispiel erklärt, was ein Stehbolzen ist und was ein solcher tut. Ein Problem bei der Vielzahl der Bücher über Lokomotivetechnik ist ja, dass die jeweiligen Autoren schon voraussetzen, dass der Leser bescheid weiß. Woher soll aber ein Leser sein Wissen sammeln? Nun, ich hatte gehofft, dass hier die Antwort liegt.
Wolfgang Messerschmidt hat als ehemaliger Konstrukteur der Maschinenfabrik Esslingen das nötige Wissen. Und er hat auch die nötige Begeisterung, die man ihm in seinen Büchern auch anmerkt. Dabei gleitet er üblicherweise auch nicht in verzwickte technische Beschreibungen ab. Gespickt wird das Ganze dann von den Erfahrungen und Anekdoten eines Lebens in der und für die Lokomotiv-Entwicklung. Das richtige Werk also, um die Detailfülle der großen blauen EK-Bücher oder die knappen Konstruktionsmerkmale von Trans Press oder Gera Nova verstehen zu lernen?
Das Problem bei diesem Buch ist, dass es eher wie eine Ansammlung von Fakten wirkt. Und das manchmal in einem verwirrenden Nebeneinander. Nicht nur nebeneinander, sondern man hat fast das Gefühl, sogar auch bezugslos. Sehr oft beschränken sich die Informationen darauf, dass es bestimmte Dinge gibt, oder es werden technische / physikalische Daten in den Raum geworfen. Wie sie funktionieren oder was sie bezwecken sollen bleibt eher im Dunkeln. Ich bin mir nicht sicher, ob jemand, der von der Technik noch keine Ahnung hat, nach der Lektüre mehr davon versteht.
Wenn man schon etwas davon versteht, dann liest sich das Buch leicht, fast schon unterhaltsam. Viele der technischen Bilder sind interessant: So stark arbeitet also eine Flexicoil-Feder im Bogen, so sieht es also "im" Drehgestell aus. Details, wie man sie in der Fülle nicht oft sieht. Andererseits aber ist die Auswahl auch etwas gezwungen: Warum erhellt mir ein Bild einer Dampflok, auf dem man noch nicht einmal die Räder erkennen kann, die Problematik beim Kurvenlauf?
Als Fazit zum Inhalt bleibt also das Dilemma: Wer soll dieses Buch lesen. Jemand, der schon bescheid weiß, wird nicht viel Neues lernen. Jemand, der Antworten auf seine Fragen sucht, wird vielleicht am Ende mit noch mehr Fragen dastehen und muss sich dann doch wieder Büchern zuwenden, die eigentlich mehr an Fachpublikum gerichtet sind (zum Beispiel "die Dampflokomotive" aus dem Trans Press Verlag, Autorenkollektiv). Wer sich hauptsächlich für Dampf-Technik interessiert, kann sich an "how the steam locomotive really works" von Semmens/Goldfinch aus dem Oxford Verlag wenden. Dort wird für den technisch interessierten Laien viel nützliches Wissen vermittelt.
Zum Abschluss noch eine Bemerkung zur Gestaltung: Dass der Antrieb auf dem Umschlag auf dem Kopf steht, mag ja noch als peinlicher Lapsus durchgehen (im Buch steht er richtig herum), wirklich ärgerlich ist ein typographisches Problem, denn in manchen Zeilen schrumpft der Wortabstand derart, dass die Zeile zu einer einzigen Buchstabenwurst verkommt und einzelne Wörter nur dadurch auszumachen sind, dass die Wortabstände kleiner(!) werden als die Buchstabenabstände innerhalb der Wörter. Ein typographischer Übelstand, den man auch im Zeitalter des Computersatzes gefälligst zu vermeiden hat.