Manchmal habe ich das Gefühl, dass in jedem größeren Unternehmen eine ganz spezielle Abteilung eingerichtet wird, deren alleinige Aufgabe es ist, im Kern gute Produkte zu versauen.
So leider auch hier.
Die Tastatur ist hübsch, gut verarbeitet und eine Zierde für jeden Schreibtisch.
Und das war's.
Ständig wird hier die kabelgebundene Version (kurz: IK) mit der schnurlosen Variante (kurz: K800) verglichen; da möchte ich mich auch kurz anschließen.
Die Kabelvariante sieht deutlich wertiger aus, fühlt sich auch deutlich wertiger an.
Dennoch tippt es sich nach kurzer Eingewöhnungszeit besser auf dem kabellosen Hackbrett.
Lange habe ich gerätselt, warum mir das Tippen mit der IK besonders mühsam vorkommt, obwohl sich die Tastatur eigentlich richtig gut anfühlt; dabei kam das heraus:
Es liegt nicht am völlig anderen Anschlag, sondern einfach an der Größe der Fingerauflagefläche der einzelnen Tasten: Die K800 bietet hier deutlich mehr.
Die kleinere Auflagefläche führt dazu, dass die Fingerkuppe seitlich abgleitet, wenn die Mitte der Tastenkappe nicht exakt getroffen wird.
Daher verursacht die IK mehr echte Tippfehler als die K800. Auch nach längerer Eingewöhnungszeit (derzeit zwei Wochen) kann man sich nicht 100 %ig auf die abweichenden Anforderungen beim Tippen einstellen.
Ich bin ein Extremtipper (beruflich bedingt), der ausgesprochen viel und schnell schreibt.
Zwei Wochen lang versuchte ich mich nun an die IK zu gewöhnen; dies klappte nur bis zu einem bestimmten Grad: Konzentriere ich mich vollends auf das Schreiben, erziele ich gute bis sehr gute Ergebnisse. Sobald ich aber mit etwas geteilter Aufmerksamkeit ans Werk gehe - z. B. weil ich beim Tippen bereits über die Fortsetzung eines Satzes nachdenke -, hagelt es Vertipper.
Derselbe Effekt tritt auf, wenn man die Hände zwischendurch aus der gewohnten Tipphaltung abhebt, um z. B. die Richtungstasten zu nutzen: Die Hand findet nicht wie von selbst in die Ausgangsposition zurück. Flüssiges und nahezu fehlerfreies Tippen ist nur möglich, wenn die Hände fest in der Grundhaltung verbleiben.
Dies kommt bei keiner Tastatur mit vollwertigen Tasten vor.
Man kann sich durchaus dazu zwingen, auch mit der IK gute Ergebnisse zu schaffen; aber nur dann, wenn man sich voll und ganz auf das Tippen konzentriert und die Hände zwischendurch nicht abhebt; intuitives Arbeiten ist so kaum möglich.
Bei Tasten mit normalem Hub wirken sich kleinere Auflagefläche und leicht modifiziertes Layout nicht so übel aus; bei den Kurzhubtasten der IK aber wird es richtig unangenehm.
Auch "Perfect Stroke" ist nicht mehr als eine leere Werbefloskel: Auf der IK tippt es sich genau wie auf einer stinknormalen Notebook-Tastatur. Mit "Perfect" hat das nicht das mindeste zu tun.
Wenn man "richtig" tippen will, ist die IK daher leider ein ziemlicher Fehlkauf.
Positives:
- Wertige Verarbeitung
- Sehr leises Tippen
- Sehr schöne Tastenbeleuchtung mit sinnvollen Abstufungen (wir brauchen keine Scheinwerfer, die beim Tippen blenden)
- Weiße Beleuchtung, kein ach-so-modernes Blau, das langfristig die Augen quält
- Feine, saubere Tastenbeschriftung
Negatives:
- Nicht intuitives Tastaturlayout; man findet sich nur schwerlich blind zurecht
- Ungeeignet für Leute mit längeren Fingernägeln
- Tastenbeschriftung bei abgeschalteter Beleuchtung etwas kontrastarm
- Tastenbeleuchtung bei Funktionstasten unregelmäßig; Farbe variiert zwischen Orange und Gelb
- Nur Sonderfunktionen der F-Tasten werden beleuchtet, die Beschriftungen F1 bis F12 selbst sind bei Dunkelheit unsichtbar
- F1-Taste kann nicht anders belegt werden, F-Tasten-Umbelegung extrem problematisch
- Linke Umschalttaste viel zu klein
- Lästige Windows-Taste, die eh kein Mensch benutzt (zum Glück abschaltbar)
- Einfügen- und Entfernen-Tasten zu einer großen Entfernen-Taste zusammengefasst
- Zu langsame Abfrage der Tastenfreigabe
- Sperrung von Tastenkombinationen, die bei Spielen unerlässlich sind
Einzelheiten:
Wie betrunken muss man bei Logitech gewesen sein, als man sich den folgenden Blödsinn ausdachte:
- Die linke Umschalttaste ist schmaler als jede andere Taste. Gratulation; eine der meist genutzten Tasten ist nun zur schlecht erreichbaren Nebensache verkommen.
- Ich arbeite viel mit Makros. Also wollte ich mir die F-Tasten mit meinen Arbeitsmakros belegen. Dabei scheiterte ich, da sich a) die F1-Taste auch mit SetPoint überhaupt nicht belegen lässt und b) auch die Belegung anderer F-Tasten zu unvorhersehbaren, aber nie gewünschten Ergebnissen führt. Ok; Softwareproblem. Aber wenn man bedenkt, wie lange die IK schon auf dem Markt ist, dürfte hier keine Besserung in Sicht sein.
- Die Zusammenfassung der Tasten "Einfg." und "Entf." zu einer großen "ENTF"-Taste ist das Übelste, was mir je bei Tastaturen vorgekommen ist. Das führt dazu, dass man beim gewohnten Betätigen der Einfügen-Taste ständig auf Entfernen hämmert. Sehr schön, wenn man dadurch in einem Dateimanager permanent Dateien löscht, statt sie zu markieren. Ist die Sicherheitsabfrage beim Löschen abgeschaltet, sind üble Zerstörungen vorprogrammiert. Auch bei anderen Anwendungen, z. B. bei der Arbeit mit Übersetzungssoftware, ist die Einfügen-Taste unerlässlich. Die winzige "EINFG"-Taste der IK ist zudem schlecht erreichbar und liegt an einer vollkommen ungewohnten Stelle; auch nach zwei Wochen intensiver Arbeit mit der IK gewöhnt man sich nicht daran.
Wer die IK nur wegen Ihres hübschen Designs schätzt und nur hin und wieder ein paar Zeilen tippt, wird sich vielleicht noch über die Entfernen-Monstertaste freuen. Jeder ernsthafte Anwender aber wird früher oder später Hass und völliges Unverständnis in sich aufsteigen fühlen.
Die Tastenanordnung moderner Tastaturen ist nicht umsonst standardisiert; im Laufe vieler Jahre hat sich ein optimales Layout herauskristallisiert. Logitech pfeift drauf und macht damit einen großen Fehler.
- Die Freigabe von Tasten wird offenbar verzögert abgefragt. Negative Effekte zeigen sich nicht beim Betätigen, sondern beim Loslassen. Mir fiel auf, dass beim Tippen mit der IK grundsätzlich "KInd regards" statt "Kind regards" unter meinen eMails an Auslandskunden stand. ZUerst (da, schon wieder) dachte ich, es läge an mir. Dann habe ich ein Video aufgenommen, das zeigte, dass die Umschalttaste tatsächlich bereits freigegeben war, als ich die nächste Taste betätigte. Die Tastatur braucht also aus unerfindlichen Gründen zu lange, um die Freigabe der Umschalttaste vor der nächsten Tastenbetätigung zu bemerken.
Folge: STändig falsche GRoßbuchstaben beim TIppen.
GANZ übel für Schnelltipper. Gelegenheitsschreiber werden dieses Problem dagegen kaum bemerken.
- Logitech fand es lustig, die Tastenkombination "Umschalttaste-W-Leertaste" per Hardware zu sperren. So kann man so gut wie keinen Egoshooter und keine Spiele mit ähnlicher Tastenbelegung mehr spielen, da es nicht mehr möglich ist, schnell nach vorne zu laufen und dabei zu springen. Haha, sehr witzig. Wer meint, man könne diese Boshaftigkeit durch externe Software beheben, der irrt: Die Sperrung erfolgt offenbar innerhalb der Tastaturhardware selbst, lässt sich nicht mit Bordmitteln umgehen. Vermutlich ein Versuch, den Kunden zusätzlich zum Kauf von speziellen Zockertastaturen zu zwingen. Einfach nur abgrundtief schäbig, Logitech.
Allerdings eignet sich die IK ohnehin nicht zum Spielen: Versucht man es, hat man das Gefühl, seine Finger zu einem einzigen Klumpatsch zusammenpressen zu müssen, wenn man die Fingerkuppen wie gewohnt auf die Standardtasten auflegt. Woran das liegt, konnte ich mir bisher noch nicht wirklich erklären; es mag mit dem geringen Abstand der Tasten zueinander zu tun haben. Spielen mit der IK ist eine Qual; man gibt nach wenigen Minuten bereits entnervt auf.
So kommt es, wie es kommen muss: Man freut sich anfangs über eine richtig schicke Tastatur, die sich auch sehr angenehm anfühlt. Nach zwei Wochen Praxis aber muss man sich dann doch eingestehen, dass Design nicht alles ist. Das abweichende Layout nervt und wird bei Arbeiten mit Dateimanagern regelrecht gefährlich; der kurze Hub bei geringem Tastenabstand und kleinen Auflageflächen provoziert ständige Vertipper, die lahme ABfrage der UMschalttastenfreigabe führt zu falschen GRoßbuchstaben, beengte Tastenanordnung und bösartige Umschalt-W-Leertaste-Sperre machen die IK für Spieler vollkommen unbrauchbar.
Logitech hat es also geschafft, eine sowohl für Vieltipper als auch für Spieler unbrauchbare Tastatur auf den Markt zu werfen. Was bleibt, ist der Kundenkreis, der Wert auf tolles Aussehen legt, weil er die Tastatur eh nicht ernsthaft zum Tippen benutzt.
Daher zwei Sterne; wegen Unbrauchbarkeit in Haupteinsatzgebieten und boshafter Sperrung von Spieltastenkombinationen.
Persönlich ärgere ich mich immens: Ich mag das Aussehen der IK sehr, habe mich zwei Wochen lang an der Einstellung auf ihre Fehler versucht, weil ich die Tastatur zu gerne behalten wollte. Aber auch nach zwei Wochen überwiegt der Ärger.
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