Mit der ''Logisch-semantischen Propädeutik'' ist es den Verfassern Ernst Tugendhat und Ursula Wolf gelungen, die wohl beste deutschsprachige Einführung in die Logik von einem philosophischen Standpunkt aus zustande zu bringen, wobei man natürlich auch die ''Logische Propädeutik'' von Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen nicht vergessen darf. Das Buch ist dementsprechend als von vornherein durch den Themenkomplex der sog. philosophischen Logik bestimmt (um einen Ausdruck von Bertrand Russell zu gebrauchen) zu rezipieren und nicht unter dem Blickpunkt der sog. symbolischen oder mathematischen Logik. Es geht darin also erst einmal um kategoriale Erläuterungen der Grundbegriffe der Logik, und zwar anhand von 'Analysen', und es wird sachgemäß nicht auf technische Entwicklungen logischer Kalküle Wert gelegt, wie diese sich dann in Konstruktionen (bzw. 'Synthesen') niederschlagen würden. (Insofern entspricht die Thematik des Buches eben demjenigen, was Gottlob Frege, der Begründer der modernen formalen Logik, "Logik" nennt, und nicht demjenigen, was er unter dem Namen "Begriffsschrift" entwickelt.)
Das Buch ist von zwei bedeutenden Philosophen verfaßt. Es läßt nicht nur an Klarheit nichts zu wünschen übrig (der Text ist verständlich geschrieben, die Gedanken sind in kappen Sätzen und mit didaktischer Geschicklichkeit formuliert, und darüber hinaus werden keine besonderen Vorkenntnisse vorausgesetzt), was an und für sich ja schon ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist, sondern geht auch der Problematik auf den Grund (beides hängt ja zusammen) und bietet insofern - was mir besonders wichtig erscheint - ein wahres Stück Philosophieren an. Die Frage, was eine Proposition, was ein Urteil und was ein Satz ist, die Fragen nach der Bedeutung der singulären und generellen Termini (deren Referenzen in der Tradition direkt mit Gegenständen und Begriffen gleichgesetzt wurden), die Fragen nach dem Sinn der Existenz-, Identitäts- oder Modalsätze sind mustergültig dargelegt und geklärt worden. Beachtung verdienen auch die Erörterungen des Satzes des Widerspruchs und insbesondere die Diskussion des Wahrheitsbegriffs, mit dem ja gerade die Grundlage für den semantischen Aufbau der Logik gelegt wird.
Die Autoren präsentieren eine ganz bestimmte Auffassung der Logik, nämlich diejenige, die von ihnen als die sprachliche Auffassung bezeichnet wird - im Unterschied zu der ontologischen Auffassung, welche für die antike und mittelalterliche Logik charakteristisch war, oder der psychologischen Auffassung, welche bei den Philosophen der Neuzeit, die sich ja von erkenntnistheoretischen Fragen leiten ließen, vorherrschte. Dies geht mit der in der Philosophie des 20. Jahrhunderts erfolgten 'Wende zur Sprache' ('linguistic turn') einher. Das Buch bearbeitet daher einen Bereich, der zum Teil auch Gegenstand der Sprachphilosophie ('philosophy of language') ist. (Das sieht man schon am Titel, wo das aus der Tradition bekannte logische Propädeutikum durch den Zusatz "semantisch" auf eine Bedeutungsanalyse sprachlicher Ausdrücke ausgerichtet wird.) Es handelt sich dabei also um eine 'Bedeutungstheorie'. Auf der anderen Seite wird hierbei die Sprachanalyse nicht nur auf logische Probleme angewandt, sondern zusammen mit den dadurch gewonnen Einsichten auch zur Lösung philosophischer Probleme verwendet und so durchweg als Methode der Philosophie praktiziert. Daher läßt sich das Buch zugleich auch als eine Einführung in die sprachanalytische Philosophie ('linguistic philosophy') auffassen.
Als Unterschied zu den meisten englischsprachigen Büchern ist hervorzuheben, daß die ''Logisch-semantische Propädeutik'' konsequent vor dem Hintergrund der Philosophiegeschichte in die Thematik einführt, wobei natürlich viele alte Probleme, so die Pointe der Autoren, erst in der Orientierung der Logik an der Sprache eine Lösung finden (insbesondere werden Ideen von Aristoteles, Leibniz und Kant berücksichtigt). Im Unterschied zur ''Logischen Propädeutik'' von Kamlah und Lorenzen, die sich von ihrem eigenen konstruktivistischen Systemgedanken leiten lassen, führen Tugendhat und Wolf in ihrem Buch konsequent den gegenwärtig relevanten Diskusionskontext vor, so daß für den Leser auch Brücken für weitere Vertiefung geschlagen werden. (Richtungsweisende Denker sind vor allem Frege, Russell, Wittgenstein, Carnap, Tarski, Quine, Davidson, Kripke, Strawson und Dummett.)
Fazit: eine wahre Fundgrube.