Die "Logisch-philosophische Abhandlung", auch als "Tractatus logico-philosophicus" bekannt, zählt zu den bemerkenswertesten philosophischen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts. Ludwig Wittgenstein schrieb das Buch während des Ersten Weltkrieges und arbeitete dann als Volksschullehrer und Architekt, bevor er an das Trinity College in Cambridge berufen wurde.
Das Werk "äußerster sprachlicher Konzentration und formaler Strenge" setzt auf den Arbeiten Freges und Russels auf. Immer wieder erweist Wittgenstein im Text seinen geistigen Vordenkern und Lehrern die Ehre.
Im Vorwort skizziert Wittgenstein den Grundgedanken des Buches mit den Worten: "Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt - wie ich glaube - dass die Fragestellung dieser Probleme auf dem Missverständnis der Logik unserer Sprache beruht. Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen."
Bereits aus diesen eingehenden Worten wird ersichtlich, welche Bedeutung Wittgenstein den Begriffen Sprache und Logik beimisst. Den Wert des Buches leitet er aus der Unantastbarkeit und Endgültigkeit der Gedanken ab: "Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben." Wohl ist er sich bewusst, "wie wenig damit getan ist, dass diese Probleme gelöst sind."
Analysieren wir zunächst den Begriff Sprache. Die Sprache ist die Gesamtheit aller Sätze. Sie legt die Grenze zwischen dem, was gesagt werden kann, und dem, was unsagbar bleibt, fest. Der Satz ist der sinnlich wahrnehmbare, ausgedrückte Gedanke. Die einfachste Form des Satzes ist der Elementarsatz. Wittgenstein betont, wie wichtig es ist, exakt zu formulieren: "Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen." Doch der Satz ist auch ein Bild der Wirklichkeit, wie jeder Gedanke ein logisches Bild der Tatsachen ist: "Was denkbar ist, ist auch möglich. Wir können nichts unlogisches Denken, weil wir sonst unlogisch denken müssten." Durch den Vergleich mit der Wirklichkeit können wir auch den Wahrheitsgehalt des Satzes erkennen: "Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft."
In einem zusammengesetzten Satz können wir für jeden Elementarsatz den Wahrheitsgehalt bestimmen: "Jeder Satz ist das Resultat von Wahrheitsoperationen mit Elementarsätzen." Ein Satz, dessen Elementarsätze sämtlich wahr sind, bezeichnet Wittgenstein als Tautologie: "Ich weiß z.B. nichts über das Wetter, wenn ich weiß, dass es regnet oder nicht regnet." Im gegenteiligen Fall spricht er von Kontradiktion.
Wodurch entstehen Unklarheiten in der Sprache?
Die Sprache benutzt Schrift- oder Lautzeichen. "Jeden Teil des Satzes, der seinen Sinn charakterisiert, nenne ich einen Ausdruck (ein Symbol)." Verwechslungen entstehen dadurch, dass einem Zeichen verschiedene Symbole zugeordnet werden. Wittgenstein führt die eingangs erwähnten philosophischen Probleme auf eben jene Sprach-Missverständnisse zurück.
Welche Rolle spielt die Logik?
"Die Logik ist keine Lehre, sondern ein Spiegelbild der Welt. Die Logik ist transzendental", schreibt Wittgenstein. "Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen." Er weist darauf hin, dass die Logik nicht nur vor jeder Erfahrung steht, sondern dass die Sätze der Logik weder durch Erfahrung bestätigt oder widerlegt werden können. Die Hypothese, dass morgen die Sonne aufgehen wird, ist demnach nicht logisch; sie ist zufällig gültig: "Wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird." Wittgenstein warnt davor, aus gegenwärtigen Ereignissen auf die Zukunft zu schließen: "Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube."
Logik, das ist für Wittgenstein auch das Maß an Berechenbarkeit, denn "außerhalb der Logik ist alles Zufall." Jeder logische Satz stelle eine Tautologie dar. Da aus Tautologien wieder Tautologien entstehen, sagen alle Sätze der Logik eines aus - nichts! "Die Mathematik ist eine logische Methode. Die Sätze der Mathematik sind Gleichungen, also Scheinsätze."
Wie definiert Wittgenstein den Begriff "Welt"?
Gleich im ersten Satz des Tractatus lesen wir: "Die Welt ist alles, was der Fall ist. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge." Und im zweiten Hauptsatz führt Wittgenstein weiter aus: "Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten." Er unterscheidet zwischen der Welt als solcher und meiner Welt: "Die Welt und das Leben sind eins. Ich bin meine Welt."
Grenzerfahrungen
"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Ähnlich dem Auge, das beobachtet, sich aber nicht selbst sehen kann, gehört das Subjekt nicht zu seiner Welt sondern bildet deren Grenze.
Wenn Wittgenstein über die Grenze der Welt und des Sagbaren philosophiert, berührt er auch die metaphysischen Fragen. Über den Tod schreibt er: "Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht." Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen besitzt für Wittgenstein keinen Wert: "Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit". Den Sinn der Welt sieht Wittgenstein nicht innerhalb ihrer Grenzen liegen, da alles Geschehen zufällig ist und deshalb keinen Wert darstellt. Konsequent lehnt er die Frage nach der Existenz eines absoluten Wesens ab: "Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen ... Gott offenbart sich nicht in der Welt."
Gleichwohl weiß Wittgenstein um die Schwächen der Wissenschaft: "Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort." Diese Problem lassen sich nicht mit der Sprache und der Logik lösen: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."
Fazit: Wittgensteins Logik besticht durch ihre Klarheit. Seine Sätze sind einfach und dennoch nicht leicht. Oft umweht sie der kalte Wind formaler Vernunft, der den Betrachter frösteln und nach emotionaler Wärme sehnen lässt.