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Bleibebeschreibung
Nenad Velickovics Sarajewo-Roman «Logiergäste»
Man stelle sich einen jungen Intellektuellen vor Journalist, Rundfunkautor, etwas in der Art. Er lebt in einer europäischen Grossstadt, keiner allzu grossen sagen wir München. Als zwischen Preussen und Bayern ein blutiger Bürgerkrieg ausbricht, soll er, obwohl gebürtiger Berliner, zur bayrischen Territorialarmee eingezogen werden. Der Belagerungsring um München schliesst sich fester, das bayrische «Pfüagod» wird zum nationalen Gruss . . . und so weiter. Dies wäre Stoff für eine höchst unwahrscheinliche, ziemlich geschmacklose Komödie, eine Groteske. Wenn man die Handlung eines Romans von Nenad Velickovic, erschienen 1995 in Sarajewo, in unsere Gegend transponieren wollte, käme etwas in dieser Art heraus. Die Rede ist hier, wohlgemerkt, nicht von den Tatsachen des bosnischen Krieges, sondern von einem Roman, der die Geschichte von ein paar Leuten im belagerten Sarajewo erzählt.
Velickovics Humor allerdings ist weniger von der heiteren als eher von der beissenden Sorte. Das wirkt um so eindrucksvoller, als er seine ätzenden Anmerkungen, seine überscharfen Charakterisierungen und entlarvenden Betrachtungen einer erst sechzehnjährigen Ich-Erzählerin in den Mund legt. Maja trägt eine dicke Brille, liebt die Literatur und beobachtet ihre Umgebung, besonders aber ihren Halbbruder Dávor, einen jungen Rundfunkautor, mit kritischer Zuneigung. Der vorgeblich naive Blick als Erzählperspektive dient ja normalerweise dazu, etwas durch Erfahrung oder vielfache Beschreibung bereits bis zum Überdruss Bekanntes wieder in ein frisches Gefühl zu verwandeln.
Der jungen Erzählerin stehen ja kaum fertige Urteile zur Verfügung, und schon gar keine über Krieg, Völkermord, Korruption und Fanatismus. «Die Serben sind orthodox, also sind die anderen unorthodox. Die Muslime sind rechtgläubig, also sind die anderen falschgläubig. Die Kroaten sind Katholiken, also sind die anderen Protestanten. (. . .) Ich komme durcheinander. Besser ich schreibe über das, was ich sehe.» Was sie sieht, wird getreulich aufgezeichnet, jedenfalls wenn es Strom gibt oder Kerzen oder wenn man den Keller verlassen und bei Tageslicht schreiben kann. Nach langem Schwanken, ob es nun ein Roman oder ein Tagebuch sei, was da entsteht, kommt schliesslich die stimmige Zuordnung: «Wenn Menschen reisen, verfassen sie Reisebeschreibungen. Ich bin geblieben und verfasse eine Bleibebeschreibung.»
Am schwersten wird die Entscheidung fürs Bleiben für Dávor. Er bleibt nur um seiner schwangeren Frau willen, die das Risiko einer Flucht nicht wagen will. Als Sohn einer jüdischen Mutter und eines serbischen Vaters fühlt er sich in erster Linie als Intellektueller, zu keiner Mehrheit und zu keiner Partei gehörig. Auch Nenad Velickovic selbst wurde während der Belagerung Vater; auch er ist Serbe und diente in der Territorialverteidigung von Sarajewo. Dass die ihm selbst nachgezeichnete, autobiographisch eingefärbte Romanfigur so unerbittlich von aussen gezeigt wird als ewiger Zauderer, als Pantoffelheld und prinzipiell Oppositioneller , verleiht ihr einen kräftigen Strich Selbstironie.
Die anderen «Logiergäste» im Keller des Landesmuseums von Sarajewo, Flüchtlinge aus verbrannten Wohnungen, haben ebenfalls auffallende Charakteristika zu bieten: die Grossmutter mit ihrem geheimnisvollen Koffer, die Mutter mit ihren esoterischen Gewohnheiten, die Schwangere mit ihren endlosen Befürchtungen, der Museumsdirektor mit seiner Pedanterie und seinem Altphilologen-Habitus. Das Personal wird ergänzt von zwei alten Partisanen, wie sie nun einmal unabdingbarer Bestandteil jeder jugoslawischen Geschichtsschreibung sind: der eine ein unbeugsamer alter Kommunist, der andere ein sehr beugungsfähiger Opportunist.
Zu dem disharmonischen Chor der Stimmen tragen auch noch die streng muslimischen Nachbarn («Familie Flintstone») ihre pragmatische, dabei aber hochgestimmt patriotische Tonlage bei. Die spröden, quasi protokollarisch wiedergegebenen Reden und Gegenreden dieser unterschiedlichen Menschen offenbaren viel über Feindbilder, Befürchtungen und sonstige Gefühle der Beteiligten, aber auch vieles über tatsächliche Ereignisse, die zugehörige Propaganda und die umherschweifenden Gerüchte in der provisorischen Zwangsgemeinschaft der belagerten Stadt.
Maja verzeichnet die Phrasen, die Weltanschauungen; wobei sie Vegetarismus oder Hypochondrie ebensoviel Gewicht beimisst wie einer soliden, politisch und phraseologisch abgesicherten Ideologie. So kommt die Weigerung des Autors Velickovic, sich auf das Niveau von Propaganda oder Parteistandpunkten zu begeben, zwar im Gewand der Naivität daher, aber gleichzeitig so triefend von Ironie, dass man der «Bleibebeschreibung» ihre Herkunft aus der Feder einer Sechzehnjährigen nicht immer abnimmt. Aber das macht nichts. Der Rundfunkautor, als Karikatur des wahren Autors, der mit Hingabe Teppichfransen kämmt und der einen Kampf lieber um Windeln für sein Kind als für eine muslimische Republik führen möchte, erwirbt im Laufe des Buches mehr verständnisinnige Sympathie, als eine heroischere Natur das je vermöchte.
Katharina Döbler
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