Wer diesem Buch kritisch begegnet, muss seine Wortwahl kleinlich prüfen, wenn seine Argumentation von all den Hernandez-Lovern nicht zerpflückt werden soll. Und drei Punkte ist bei den Preisungen, die man überall zu lesen bekommt, vermutlich schon eine kleine Provokation. Aber ich habe das Buch eben nur stellenweise genossen, habe mich auch gelangweilt, entscheidend ist aber, dass viele Episoden um Maggie (ohne oder mit Hopey) starken Soap-Charakter besitzen, unpassende Phantastik-Elemente enthalten (Gott sei Dank wurden wenigstens die Dinosaurier vom Anfang schnell ad acta gelegt), manchmal auch mit Wendungen oder Zuspitzungen aufwarten, die nicht so recht zum Rest einer Geschichte passen wollen. Da wird die durch und durch lesbische Hopey plötzlich aus Langeweile zum Vamp und schwängert ihren Schlagzeuger - halt, natürlich umgekehrt. Man meint, diese Figur nun also langsam zu kennen und dann so was. Solche Überraschungen, die nicht recht zum Charakterbild passen wollen, geschehen hier des öfteren. Am schwächsten ist noch die auch auf deutsch erschienene, lange Erzählung "Wigwam Bam", die man isoliert betrachtet ohne Kenntnis der anderen Stories nur bedingt verstehen kann. Interessant ist zweifelsohne die Idee, das Frauen-Catching als halbwegs anerkannte Sportart vorzustellen. Auch die unstete Beziehung zwischen Maggie und Hopey wirkt auf mich sehr authentisch, und Jaime Hernandez ist immer wieder in der Lage, stupende Dialoge zu schreiben. Dann aber gibt es Momente, die lustig sein wollen, aber den vielleicht veraltet klingenden Ausspruch "Wie geschmacklos" rechtfertigen (insbesondere die wohl satirisch gemeinten Lesbo-Brutalo-Raufereien der weiblich-derben Sportlerelite).
Die Qualität der Geschichten schwankt sehr stark. Am besten gefallen haben mir gerade jene, in denen Maggie fern zu Hause irgendwelche Raumschiffe repariert und die Handlung vom Boden abhebt. Das wirkt befremdlich im Kontrast zum Suburbia-Leben von amerikanisierten Mexikanern, aber funktioniert des öfteren als Spannungsliteratur. Mit der Zeit entwickelt man zwangsläufig ein Verhältnis zu den Protagonistinnen und den wenigen Männern in diesem groß angelegten Netzwerk, das Hernandez ab den 70ern (als M+H noch Teenies waren) bis in die 90er hinein porträtiert. "Der Tod von Speedy" ist sicherlich einer der Höhepunkte, aber auch nicht gerade der Gipfel der Comic-Kunst, wie immer wieder salbadert wird. Doch ein gewisses Maß an erzählerischer Freiheit gibt es immer wieder: Da hinterlässt Hernandez bewusst Lücken, kürzt Gespräche geschickt ab, spitzt Situationen gekonnt zu (in erster Linie durch Weglassen), springt mitunter radikal zwischen Zeitebenen und Orten, ohne den Leser offensichtliche Hinweise zu geben - aber mit etwas Konzentration versteht man diese formalen Eigenheiten. Doch in keiner Minute hatte ich das Gefühl, dass ich gerne mit M oder R einen Kaffee trinken wolle - mit beiden gemeinsam erst recht nicht.
Es gibt in "Locas" Momente der Wahrhaftigkeit, die mich daran erinnern, dass "Love & Rockets" den Status eines Meisterwerks besitzt. Das sind niemals Auflösungen von Konflikten, von Geheimnissen einzelner Figuren, ist niemals die Rettung aus einer brenzligen Situation, sondern Alltäglichkeiten aus dem Leben von Zwanzigern in den Achtzigern, so zum Beispiel Konflikte einer Band auf Tour, die Gespräche über Männer, über Jobs. "Locas" könnte, wenn es davon mehr gäbe, ein perfektes Zeitbild eines bestimmten Milieus sein. Aber immer wieder müssen seltsame Dinge passieren, muss die Handlung fast zwanghaft Purzelbäume schlagen - in einer Art und Weise, die ich den Figuren nicht ganz abnehmen kann. Maggie wird durch die Verkettung von ein paar Zufällen zur Hure und weil sie immer wieder den Bus verpasst? Sorry, aber das glaube ich nicht. Hernandez macht mich zum Obermotzkritiker während der Lektüre, weil ich immer wieder darauf lauere, dass da was nicht stimmt mit der Charakterentwicklung. Das nervt.
Was man Gutes über "Locas" sagen kann: Wir begleiten Menschen, die sich tatsächlich entwickeln, altern, ihren äußeren Typ verändern, reifen, füllig werden. Dann die lange Zeitspanne und die Unmenge an Material (das Buch liegt sehr schwer in der Hand) - im Grunde ein Lebenswerk und doch nur ein Teil des riesenhaften Projektes "Love & Rockets". Die Zeichnungen haben ebenfalls eine hohe Qualität, wobei diese für sich allein betrachtet nur wenig Faszinationswert haben. Anfangs ist der Stil noch etwas verspielter und wird allmählich funktionaler, reduzierter, reiner. Hernandez interessieren keine Autos oder Straßen, nicht die Natur oder die Totale, sondern das Gesicht, die Figur eines Menschen.
Verstehen Sie das bitte nicht falsch: "Locas" ist kein Mittelmaßprodukt. Es ist mit nichts vergleichbar (bestenfalls mit "Palomar"). Vieles darin ist gelungen, und einiges dringt dann wieder tief in die Banalitätszone vor. Ich habe mich immer wieder mal dabei erwischt bei dem Gedanken: Eigentlich führt Maggie kein Leben, das furchtbar interessant ist (zieht man die Mechanic-Episoden ab, die ohnehin für sich stehen). Nur Hopey ist wirklich etwas verrückt, gleichzeitig aber auch weniger sympathisch. Summa summarum ist es eine gegen den Strich gebügelte Soap, in der es um Liebe geht, um Musik und schrill inszeniertes Außenseitertum. Und es geht um die Langeweile in der Vorstadt. Und um lesbische Liebe, um heterosexuelle Träume, außerdem immer auch drängt reichlich Unsinn in den Plot (Superhelden, Horrormurks) und auch hohle Punkreflexe, Kabbeleien wegen Nichtigkeiten, Eifersuchtsdrämchen. Diese Fülle hat zahlreiche Rezensenten begeistert. Dass ich nicht dazu gehöre, müsste ich an dieser Stelle wohl kaum noch aufschreiben.