Habe das Buch aus beruflichen Gründen gelesen und war sehr angetan. Bücher zum Thema Lobbying fallen oft ziemlich oberflächlich aus, gehen häufig nach einem Schwarz/Weiß-Schema vor ' sie sind entweder ein undifferenzierter 'Verriss' von Lobbying oder eine komplett kritiklose Beweihräucherung der Branche. Diesen Weg geht der Autor hier gerade nicht: Schon in der sehr lesenswerten Einführung des Buches diskutiert er ausführlich (ca. 20 Seiten) die in den Medien häufig geäußerte Kritik an Lobbying (mangelnde Transparenz usw.) und geht ausführlich auf die Frage der (demokratischen) Legitimation von Interessenvertretung ein. Aus seiner Sicht ist die Vertretung von Interessen ' gerade in Brüssel ' notwendiger Bestandteil pluralistischer Demokratie, nicht nur durch Unternehmen, sondern auch durch Verbände, Gewerkschaften usw. Dass Präsenz in Brüssel heute wichtiger ist als je zuvor, betont der Autor völlig zu Recht: Als Konsequenz des Vertrags von Lissabon (der ja Ende 2009 in Kraft getreten ist) hat sich im europäischen Recht vieles verändert, das für die Vertretung von Unternehmensinteressen enorm wichtig ist. Eines der Beispiele, die Joos hierzu aufführt, ist der weitgehende Wegfall des Einstimmigkeitsprinzips bei Entscheidungen im Rat - in vielen Fällen gilt nur noch das Mehrheitsprinzip, d.h. ein einzelner Mitgliedstaat kann schnell überstimmt werden, wenn er keine Sperrminorität organisieren kann. Unternehmen aus (z.B.) Deutschland müssen sich also nicht mehr nur die Unterstützung des eigenen Mitgliedstaats sichern, wenn sie ein Anliegen in Brüssel verfolgen, sondern müssen regelrechte Koalitionen mit anderen Mitgliedstaaten zusammenstellen. Wie dabei vorzugehen und auf welche Fallstricke zu achten ist, zeigt dieses Buch auf.
Kurz: Dem Leser wird das 'Know-how' erfolgreichen Lobbyings in Brüssel erläutert (wobei die meisten Hinweise und Erläuterungen sicher ebenso auf Strategien in Berlin und anderen EU-Hauptstädten anzuwenden sind). Der Autor geht dazu zunächst auf die unterschiedlichen Funktionen von Interessenvertretung ein, erläutert dann die Besonderheiten von Lobbying auf EU-Ebene und zeigt die wesentlichen Rahmenbedingungen auf, die bei der Kommunikation mit den einzelnen Institutionen (Kommission, Parlament, Rat usw.) zu beachten sind. Besonders in Teil 5 ('Methodik und Instrumente gezielter Interessenvertretung') und Teil 6 (Fallstudie) der Darstellung wird dem Leser bewusst, dass hier jemand mit großer Erfahrung in der Branche spricht. Das Buch schließt mit einem lesenswerten Vergleich der Rahmenbedingungen und Ansätze von Lobbying in der EU und in den USA.
Einziges Manko ist die Anbringung der ziemlich zahlreichen Quellenangaben und Hinweise in Endnoten. So muss man oft hin- und herblättern, wenn man etwas nachschauen möchte... Dennoch hat das Buch die volle Amazon-Punktzahl verdient.