Buch der 1000 Bücher
Das Lob der Torheit
OT Encomium moriae OA 1509 oder 1510Form Traktat Bereich Philosophie
Das Lob der Torheit von Erasmus von Rotterdam ist ein Werk künstlerischer Vollkommenheit, das seine Bedeutung durch den Versuch erlangte, mittels heiter-satirischer Selbstbespiegelung die Missstände seiner Zeit zu beleuchten. Zugleich will es eine neue Sicht vermitteln, in der das Leben in seiner freudvollen und zugleich bitteren Absurdheit zu lieben ist.
Entstehung: Erasmus verfasste Das Lob der Torheit unmittelbar nach seiner Reise nach Italien 1509 im Haus von Thomas R More. In dem auf Latein geschriebenen Werk verfolgte der Autor die Absicht, seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorzuhalten und ihnen zu zeigen, dass der Mensch sich selbst verfehlt, wenn er seine Bildung versäumt. In den Gesprächen mit More gelangte Erasmus allerdings auch zur Erkenntnis, dass der Mensch nicht durch Bildung allein zum Menschen wird.
Inhalt: Erasmus legt Das Lob der Torheit der sich selbst preisenden Stultitia (Einfalt) in den Mund. Diese betont ihre Allgegenwart in der menschlichen Gesellschaft anhand zahlreicher Beispiele, in denen immer wieder zum Vorschein kommt, dass die Triebfeder menschlichen Handelns eine Art von Wahnsinn ist, die verschiedenste Phänomene zu erzeugen vermag. Die Herrschaft der Torheit zeigt sich danach nicht nur in der Eitelkeit, Trunkenheit, Infantilität oder Senilität, sondern ebenfalls in der Begeisterung, die auch positive Dinge hervorbringen kann. Ohne die Torheit gäbe es keine Gesellschaft, keine guten und dauerhaften Vereinigungen. Stultitia zieht den Schluss, dass die wahre Torheit die angemaßte Weisheit sei.
Wirkung: Obwohl Erasmus mit dem Lob der Torheit seinen Ruf als einer der größten Gelehrten seiner Zeit begründete, provozierte er mit dem Buch unter den Zeitgenossen auch heftige Kritik. Es wurde in Zusammenhang mit seinem Gesamtwerk betrachtet, das Katholiken verurteilten, weil es nach ihrer Überzeugung mit seiner beißenden Beschreibung kirchlicher Missstände die Reformation vorbereitet habe. Im Zeitalter der Aufklärung, das die Glaubensstreitereien zu überwinden versuchte, wurde das Gesamtwerk von Erasmus und insbesondere Das Lob der Torheit wieder entdeckt und als Ausdruck eines neuen Bildungsdenkens gewürdigt, das die veraltete kirchliche Scholastik überwand. N. H.
Pressestimmen
"In ihren Ausführungen - "Erasmus, ein Psychologe von Buntheit und Subtilitiät" (Egon Friedell), läßt die Torheit ihr eigenes Lob verkünden - zeigt die Torheit, wie sie immer und überall, in Kindheit und Alter, in Liebe, Ehe und Freundschaft, in Politik und Krieg, in Literatur und Wissenschaft über die Menschen herrscht. Sie erinnert - zwischen Wahnsinn und einfacher Torheit macht Erasmus keinen Unterschied - an die Raserei der Apostel, an die Raserei der Liebenden bei Platon und fragt, ob nicht sie es sei, durch die der Menschengeist erst alle Fesseln abwirft und sich zu reiner Freiheit erhebt." (Kindlers Literatur Lexikon)
