Götter haben, wenn sie in die Leben der Menschen einbrachen, selten für reines Glück gesorgt. Amor, der geflügelte Gott der Liebe, ist hier keine Ausnahme. Im Gegenteil. Wo er schelmisch, spielerisch, kindlich und keusch erscheint, ist für den Menschen Gefahr im Verzug. Denn er wird sich nehmen, was er will, und er wird keinen Gedanken an das Schicksal der Menschen verschwenden, denen er das Leben verwirrt. Er ist der schlimmste aller Verführer: Naiv spielend, lachend, entweichend.
In dem schmalen Roman 'Das Lob der Stiefmutter' erscheint der Gott als zehnjähriger Sohn Don Rigbertos, eines wohlsituierten leitenden Angestellten einer Versicherungsgesellschaft, der sich vor kurzem erst mit der wesentlich jüngeren Dona Lukrezia verheiratet hat. Die Liebe der beiden ruht im wesentlichen auf erotischem Fundament: Die Nächte mit Lukrezia sind für Don Rigoberto ein Jungbrunnen. Mit Akribie bereitet er jeden Abend im Badezimmer mit ausgeklügelter Waschzeremonie seinen Körper und seinen Geist auf die Nacht und auf die Liebe vor.
Doch kommt ihm der Gott in die Quere. Hartnäckig nähert er sich in der Gestalt des Sohnes, Alfonsito, seiner Stiefmutter, die um des häuslichen Friedens willen dem Jungen nicht widersteht. Als der Skandal schliesslich von Alfonsito selbst in aller Unschuld seinem Vater vorgetragen wird, zerbricht das erotische Gebäude Don Alfonsitos.
Vargas Llosa hat mit 'Das Lob der Stiefmutter' einen erotischen Roman, oder besser, einen Roman über die Erotik geschrieben, der die mannigfaltigen Seiten des Themas manchmal sanft, manchmal aber auch sehr unsanft betastet. Die gewöhnlichen, alltäglichen Seiten der Erotik werden an den Beziehungen zwischen Don Rogoberto, Dona Lukrezia und Alfonsito vorgeführt. Doch jene Seiten, die ins göttliche verweisen, in die christliche Religion, die Kunst verschiedener Zeiten, behandelt Vargas Llosa in eingeschobenen Kapiteln, deren Inhalt sich an (im Buch abgebildeten) Gemälden ausrichten. In der Mitte des Romans, bei der Betrachtung eines Werks von Tiziano Vecellio (Venus mt Amor und Musik) ist es gar der Gott selbst, der spricht und sein Wirken erklärt und entlarvt. Die meisten dieser Zwischenerzählungen orientieren sich an den Handlungen der irdischen Romanfiguren, so dass ein abwechslungsreiches, im Spiegel der Kunst gebrochenes Spannungsfeld zwischen dem Geschehen des Romans und der Reflektion über dieses Geschehen entsteht.
Vargas Llosa wäre nicht Vargas Llosa, wenn er ein Blatt vor den Mund nähme. Im Roman ist ungeschminkt von allem die Rede, was zur Liebe gehört, von den niedrigsten Bedürfnissen des Menschen (wie Defäkieren) ebenso wie von den heiligsten Gefühlen. Mit der Lust zur kraftvollen Darstellung stellt Vargas Llosa das weite Spektrum des Eros dar, dessen zarte Flügelchen darüber hinwegtäuschen, wie weitgespannt sein Einfluss ist.
Ein Roman vom Meister literarisierter Wollust. Wolllüstige Lektüre für literarische Liebhaber des Eros. Dieses Büchlein kann nur empfohlen werden als eine einschlägige Lektüre, der man sich sicher nicht schämen muss.