Aus der Amazon.de-Redaktion
An alle, die es mit dem Hauen und Gehauenwerden haben: kaufen. Falls Ihnen die eigenen Gelüste peinlich sind: Hier winkt Entlastung. "Lieber Freund", könnte man als Subtext entziffern, "deine Ferkeleien besitzen eine ehrwürdige Tradition". Aber auch wissenschaftlich Interessierte, die sich einschlägige (?) Texte bisher aus Bibliothek oder Antiquariatshandel beschaffen mussten, werden für dieses Lesebuch, diese Anthologie der Flagellationsliteratur dankbar sein.
Ein Reader also? Auch nicht ganz. Zwar zitiert Largier -- ein Verdienst des Buches -- aus vielen teilweise entlegenen Quellen sehr ausführlich. Aber die Werke werden auf einen einzigen Aspekt, den der Flagellation, reduziert und die Kriterien der Auswahl selten begründet: "Was in diesem Buch zur Darstellung kommt, ist einem literar-historischen Bilderbogen der Geißelung ähnlicher als einer systematischen historischen oder psychohistorischen Analyse", schränkt der Verfasser bereits im Vorwort den eigenen Anspruch ein. Ein Bilderbogen ist unangreifbar, er muss nichts erklären.
Und das ist manchmal doch schade: Wer die Bußübungen in den Frauenklöstern des späten Mittelalters beschreibt, ohne auf das spezifische geistige Klima der Zeit einzugehen -- das Weltende schien unmittelbar bevorzustehen, Gottes Strafgerichte schienen sich den Zeitgenossen in Katastrophen und Kriegen anzukündigen -- bleibt über Gebühr an der Oberfläche. Und gerade zum späten Mittelalter wäre der Verfasser Nikolaus Largier auskunftsfähig, hierzu hat er in den letzten Jahren veröffentlicht (etwa als Herausgeber der Bibliothek des Mittelalters).
Es ist übrigens auch nicht ganz einzusehen, warum der Bilderbogen es mit dem 19. Jahrhundert bewenden lässt und uns Szenen etwa der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts vorenthält. Trotzdem: Lagiers Buch eignet sich wunderbar als beziehungsreiches Geschenk für die gebildete Liebhaberin und den gebildeten Liebhaber. --Michael Winteroll
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Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001
Die Kulturwissenschaftlerin Christina Braun liefert eine konventionelle, aber interessante Einführung und Kritik zu Largiers "Lob der Peitsche", das den Untertitel "Eine Kulturgeschichte der Erregung" trägt, im wesentlichen aber die Geschichte der Selbstgeißelung erzählt. Diese setzte um das Jahr 1000 ein, berichtet Braun, nahm ihren Ursprung in Klöstern und wurde erst sehr viel später zu einem Phänomen der Laienbewegung. Nicht Buße, sondern die Repräsentation der Leiden Christi standen im Vordergrund: der Körper wurde zu einem Ort der Darstellung, einem "tableau vivant", wie es bei Braun heißt. Später geißelte die Kirche die Praxis der Geißelung als unziemliches Mittel der Erregung, und wie durch diese sanktionierten Geißelungsszenen die pornografischen und erotischen Phantasien des 19. Jahrhunderts beflügelt wurden, das kommt Braun im zweiten Teil des üppigen (bebilderten Bandes) entschieden zu kurz. Sie hätte sich mehr Mut zu Interpretationen und Querbezügen wie etwa zur Geschichte der christlichen Bilderverehrung gewünscht.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001
Dass Verlag und Autor nichts unversucht gelassen haben, das Interesse einer breiten Leserschaft zu gewinnen, dass der Autor deswegen auch ankündigt, ein komplexes Thema auf eine einzige These (diejenige vom "Bühnen-Charakter" der Geißelungsszenen) zu reduzieren und sich überdies mit Foucault und der Vorstellung von diskursiver Überfülle aus der Verantwortung einer ordentlichen Sachgeschichte zu ziehen anschickt - es hätte Hans Ulrich Gumbrecht um ein Haar um einen veritablen Genuss gebracht. Den Genuss dieses Buches nämlich, dass sich als sehr viel besser erweist, wie Gumbrecht notiert, "als seine doppelte - opulent populärwissenschaftliche und beflissen diskurswissenschaftliche - Präsentation zunächst befürchten lässt." Am Ende erfreut den Rezensenten, der uns die drei im Buch verhandelten Diskurse ("Askese", "Erotik", "Therapeutik") übrigens sehr klar skizziert, nicht nur die "solide Sachkenntnis" des Autors, seine "erstaunliche Belesenheit", sondern zudem ein "bemerkenswertes Darstellungstalent." Letzterem, so Gumbrecht, sei zu verdanken, dass die Klarheit in der Beschreibung komplexer Phänomene der primären Faszinationskraft dieser Phänomene nie abträglich werde. Dies sowie die aus dem Thema herausgekitzelte "reiche historische Variationsbreite", so lässt der Rezensent verlauten, machen den Fachmann und den Laien froh. Und alle Sorge um ein breites Publikum erledigt sich.
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