Franz M. Wuketits ist von den aktuellen und künftigen Gefahren menschlicher Untaten beunruhigt. Und hat deshalb auch ein Lob der Feigheit angestimmt. Der Evolutionstheoretiker von der Universität Wien fordert und unternimmt dabei einen unorthodoxen Blick auf die in der Literatur (kaum bislang behandelte, teils sogar tabuisierte) "Untugend", die biologisch betrachtet gar keine ist, sondern eine "elementare Lebenskraft". Denn Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung, und dem Mutigen gehört keineswegs die Welt. Tarnen und Täuschen haben sich in der Natur bewährt, und die nützlichen Strategien des Versteckens, Davonlaufens und Im-Hintergrund-Bleibens, aber auch die "Hinterlist" sind nicht zufällig weit verbreitet.
Wuketits illustriert dies mit vielen Beispielen und gibt en passant eine konzise Einführung in die Evolutionstheorie. Aber er beschränkt sich nicht auf die a- (nicht un-!)moralische Natur, sondern diskutiert ausführlich auch gesellschaftliche Aspekte und reflektiert sie philosophisch. Das ist dann auch der Ort, Wertungen auszusprechen. "Wir haben zu viele tote Helden, aber zu wenige lebende Feiglinge" ist Wuketits' Überzeugung - im Hinblick sowohl auf die in manchen Kreisen wie Helden verehrten Selbstmordattentäter als auch auf Soldaten, Märtyrer und Mafia-Mitglieder. Denn letztlich nützt der Tod niemandem (oder nur jenen, die sich auf seine Kosten ergötzen, bereichern und bemächtigen), sondern er beschleunigt die Spirale der Gewalt nur. Und wenn Charles Darwin vom "Überleben der Tauglichsten" schrieb, meinte er nicht Muskelprotze und Massenmörder, sondern die besten Lebens- und Überlebensstrategien - also, was dem Leben dient.
Wuketits tritt ein für "ein humanistisches Weltbild, das keine martialischen Krieger und deren Opfer benötigt, sondern lebendige Menschen, die sich ihres eigenen Lebens erfreuen und andere daran teilhaben lassen". Denn "Für Gott, Kaiser und Vaterland - Generationen von Menschen wurde dieser gefährliche Schwachsinn gleichsam eingeimpft, und viele, zu viele (!) haben der Aufforderung (bereitwillig oder auch nicht) Folge geleistet. Sie kann man nicht als Feiglinge bezeichnen, sondern bloß als arme Wichte, die im Machtspiel der scheinbar Tapferen nie eine andere Wahl hatten als sich unterzuordnen und sich vor den Augen der Mächtigen als mutig zu erweisen. Was sie oft genug das eigene Leben gekostet hat."
Für Wuketits ist klar: "Feigheit wird zur Tugend, wo sie das eigene Leben schützt und das Leben anderer vor Katastrophen bewahrt." Und das Fazit, die zentrale Aussage des ungewöhnlichen und hoffentlich viele Menschen nachdenklich machenden Buchs: "Ignorieren wir doch endlich all die Finsterlinge, die uns im Namen irgendwelcher dubiosen Ideologien zur Tapferkeit auffordern und damit nur Unheil säen!"