Heike Schmidt, promovierte Theologin h.c., Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und engagierte Bildungskritikerin hat sich in ihrem neuesten Buch "Lob der Elite" auf eine historische Spurensuche von der Antike bis zur Gegenwart gemacht und kommt zu dem für sie in keiner Weise überraschenden Ergebnis, dass insbesondere die demokratischen Gesellschaften Eliten bitter nötig haben. Sie unternimmt den Versuch das "Lob der Elite" heftig zu verteidigen. Dabei legt sie besonderen Wert darauf, dass es sich bei den Eliten nicht um selbsternannte Eliten handelt, sondern dem griechischen Begriff folgend, um auserwählte Eliten. Zum ersten Mal war im Französischen von Menschen als Elite die Rede. Davon sprach einer der genialsten Köpfe der europäischen Aufklärung, Denis Diderot, in seiner "Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers" die ab 1751 in mehreren Bänden erschienen ist. Der Begriff ist ursprünglich auf den französischen Markplätzen entstanden. Es waren Erzeugnisse mit einem bestimmten Gütesiegel, aber das wohl Entscheidende war, allein der Käufer hatte die Wahl, das heißt die "Elite" wurde von jemandem ausgewählt, nicht ernannt, denn der Käufer hat geprüft, ob die Ware den angepriesenen Qualitätsmerkmalen entsprach.
Die Autorin weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass zwischenzeitlich Elite ein Label geworden ist, welches aus Marketinggründen an alles Mögliche angeklebt wird. Es gibt Hausmarken, Zeitarbeit oder Partnervermittlungen die sich Elite nennen. Man muss also sehr wohl unterscheiden, wann ist Elite ein Marketing Label, wann eine Verwechslung mit Prominenz und wann hat es tatsächlich mit den Auswahlkriterien zu tun. Die Kriterien sind das Entscheidende, man kommt nicht zu einem passablen Ergebnis, wenn man die Auswahlkriterien allein auf Leistungselite, Funktionselite oder Verantwortungselite bezieht, sondern dem Verständnis von Heike Schmoll entsprechend muss von all dem etwas vorhanden sein, denn Alleinfunktionselite überzeugt sie überhaupt nicht. Funktionseliten sind im Grunde ein Ausweg, um sich vor der Definition nach Kriterien und Leistung zu drücken. Also wenn man jeden in einer herausgehobenen Position mit relativ viel Verantwortung zur Elite zählt, dann ist man so zu sagen eigentlich der wahren Bestimmung, warum er eigentlich dazu zählt, enthoben. Das ist zwar politisch korrekt, entspricht auch der klassischen Definition von Elite, das heißt es sind diejenigen, die regelmäßig Einfluss auf gesamtgesellschaftlich bedeutsame Entscheidungen nehmen, aber es macht den Begriff ungemein nichts sagend. So hat die Autorin in dem Buch dem Begriff Elite" tatsächlich zahlreiche, inhaltlich auch durch Tugenden gefüllte Definitionen gegeben. Sie beschreibt einen modernen Elitemenschen als jemand mit sehr viel historischer Kenntnis, der zum Beispiel die Fähigkeit besitzt, bestimmte Entwicklungen in der Gegenwart sofort zu durchschauen, fadenscheinige Illusionen aufzudecken weil er auf Grund seiner Kenntnisse auf Demagogien nicht hereinfällt. Ein Mensch, der in ganz besonderem Maße demokratiefähig ist.
Die Autorin verweist ferner darauf, dass auch niemand auf Dauer Elite ist. Wer das versucht, der erleidet Schiffbruch, vielmehr sorgen kluge Eliten in ausgewählten Sektoren dafür, dass die Rekrutierungen rechtzeitig stattfinden, dass der Elitenaustausch zeitlich und personell passend funktioniert. Eine aristokratische Elite hat es in Deutschland ja eigentlich höchstens noch in der Aristokratie gegeben, aber danach nicht mehr. Deutschland zeichnet sich durch plurale, inhomogene Eliten aus. Deshalb ist es als wichtige Funktion anzusehen, dass, wenn es plurale Eliten gibt, das heißt mehrere Eliten in unterschiedlichen Sektoren, permanent entsprechend notwendige Kontrollen stattfinden.
Zur Charakterisierung von Elite und zur Funktionsbestimmung von Elite verwendet die Autorin zwei altmodische anmutende Begriffe, nämlich Einsamkeit und Askese, beide stehen unserer Gesellschaft gut zu Gesicht, denn neben einem hohen Maß an Unabhängigkeit gehört zu Eliten auch der Mut sich ins Abseits zu stellen, öffentlich zu widersprechen und dafür die Konsequenzen zu tragen. Das meint die Autorin mit Einsamkeit, nämlich Einsamkeit auszuhalten. Unabhängige, starke Persönlichkeiten zeichnen sich nicht nur durch ein hohes Maß an überdurchschnittlicher Leistungsbereitschaft aus, sondern sie verfügen darüber hinaus auch über ein hohes Maß an Widerstandskraft. Ein wichtiger Weg dahin ist eine umfassende gute, qualitätsvolle Breitenbildung für alle. Man kann nicht vorher auswählen, sondern je höher das Niveau des allgemeinen Schulsystems ist, desto sozialer und desto gerechter ist es auch. Je umfassender die Breiten- und Persönlichkeitsbildung ist, desto freier, unabhängiger, selbstbewusster und mündiger sind schließlich die Individuen und besonders die "Eliten".
Heike Schmoll warnt schließlich vor den Folgen der Abschottung, denn das Ende von Eliten ist immer dann immer vorauszusehen, weil sie dann auch keine neuen wenn sie sich abschotten, denn dann können sie auch keine neuen Eliten mehr kooptieren.
Ein rasant und atmosphärisch dicht geschriebenes, sehr kluges, rundum perfektes Buch.