Bernard Bueb nennt sein Buch eine Streitschrift, und das trifft den Inhalt sehr gut. Wenn man sich auf das Vorstellen seiner These konzentriert und sich weniger um die Auseinandersetzung mit alternativen Thesen kümmert, dann ist das nicht ausgewogen, sondern Anlass zur Diskussion. Schön, wenn das auch so deklariert wird.
Angenehm ist, dass Bueb im Buch nicht den Eindruck erweckt, er habe das Allheilmittel gegen alle Probleme der Erziehung gefunden (als langjähriger Internatsleiter weiß er, dass es das nicht gibt). Vielmehr sieht er Disziplin als wichtiges Hilfsmittel und erläutert wieso.
Ich habe etliche interessante Gedanken bei ihm gefunden, beispielsweise das Argument, dass Disziplin den Alltag entlastet, weil viele Situationen ohne großes Nachdenken gelöst werden können (z.B. wann bedanke ich mich, wann nicht), oder die These, dass demokratische Mitbestimmung durch die Erzogenen wenig Sinn macht, weil sie die Tragweite ihrer Entscheidung mangels Erfahrung nicht abschätzen können (welches Kleinkind weiß, was Karies tatsächlich bedeutet) und sie häufig für die Konsequenzen moralisch nicht geradestehen müssen (wer klärt schon Lehrstellensuchenden öffentlich darüber auf, dass sie u.U. den gewünschten Ausbildungsplatz nicht verdienen, weil sie sich nie die Mühe gemacht haben, ordentlich rechnen zu lernen - da gibt man doch lieber der Schule die Schuld dafür). Der Zusammenhang zwischen Disziplin und Freiheit ist eine eigene Auseinandersetzung wert. Und nicht zuletzt gibt Bueb eine interessante Erklärung dafür, weshalb Lehrer seit einigen Jahrzehnten immer mehr Erzieheraufgaben leisten müssen, wie diese vielfach beklagen.
Leider werden einige interessanten Aspekte (z.B. dass man als Erziehender selten weiß, ob die einzelne Entscheidung richtig oder falsch war und dies auch nie erfahren wird, deswegen aber trotzdem stets eine klare Stellung beziehen sollte, was wiederum voraussetzt, dass man selbst ausreichend moralisch gefestigt ist) nur kurz angesprochen. Abschließend ist das Kapitel Erziehung mit diesem Buch jedenfalls nicht behandelt.
Der Aufbau des Buches hätte besser sein können; mir fehlte ein wenig der rote Faden, der von einem Kapitel zum nächsten führt, wenngleich die Kapitel in sich jeweils schlüssig sind (die ersten mehr als die letzten).
Gestört hat mich auch, dass die meisten Zitate, die im Buch auftauchen, nicht korrekt wiedergegeben sind (so ein Fontane-Zitat, ein Schiller-Zitat u.a.); ein unnötiger Faux-pas. Und wenn der gläubige Katholik mit ihm durchgeht, kommt auch keine Freude auf.
An manchen Stellen kann der Text leicht missverstanden werden. Wer will, kann Disziplin mit Strammstehen verwechseln und dann erbost gegen das Buch wettern. Und wenn Bueb schreibt, Kinder hätten keinen Verstand, weiß ich als Vater zwar, was er eigentlich meint, ahne aber als Leser, dass die Gegner des verantwortungsvollen Erziehens sich ein Fest daraus machen werden, diese Stellen zu zitieren.
Bueb spricht sich klar gegen körperliche Züchtigung und für Respekt gegenüber den Erzogenen aus (er spricht von "Liebe" in einer religiös verwendeten Prägung, was heutzutage leicht zu Missverständnissen führt), womit man sich auf seine Thesen getrost einlassen kann, weil in jedem Fall die Grundpfeiler einer modernen Erziehung gewährleistet sind. Bueb will nicht zurück zur guten alten Zeit, er will nur ihre Hilfsmittel nutzen, sofern sie gut sind. Das macht Sinn.