Das Llibre Vermell de Montserrat / Das Rote Buch von Montserrat ist eine Sammlung von mittelalterlichen Liedern und Tänzen, die im Zuge der Wallfahrtstradition nach Montserrat entstanden. Die Pilger übernachteten mangels anderer Unterkünfte oft in den Kirchen, und um sie in gottgefälliger Weise bei Laune zu halten, entstanden nach und nach diese Gesänge und Tänze, die an der Grenze zwischen religiöser und weltlicher Musik stehen. Das auf alte Musik rund um den Mittelmeerraum spezialisierte multinationale Ensemble Sarband hat sich (mit Chorverstärkung) aufgemacht, die Kraft dieser Musik neu zu entdecken. Aufgenommen wurde das Album in einer Kirche, da der charakteristische Hall wesentlicher Bestandteil dieser speziellen Musik ist.
Neben ruhigen, kraftvollen Chorpassagen, die stark an liturgischer Musik orientiert scheinen, stehen die schwungvollen perkussions- und bläserorientierten weltlichen Tänze, meist mit Frauenchor, die in der Kirchenatmosphäre einen ganz eigenwilligen Reiz entfalten. Gesungen werden fromme Texte in Latein, allerdings teilweise einem durchaus verweltlichten spanischen "Pidginlatein". Auch sonst erinnern einige der schwungvolleren Passagen an die Orffsche Carmina Burana.
Insgesamt wird durch diese Aufnahme der lebendige Charakter dieser alten Lieder mehr als deutlich nachvollziehbar: Menschen wie die Pilger in Montserrat, die Zeit ihres Lebens außer bei Gottesdiensten und den Festen von Herrschern kaum solche wuchtige, prächtige Musik gehört haben werden, dürfte die Atmosphäre wirklich mitgerissen haben; und die tänzerische Kraft der Rhythmen schafft es in der Tat, die religiöse Innigkeit der ruhigen Zwischentöne eher zu verstärken als zu durchbrechen. Diese CD ist eine der lebendigsten Aufnahmen alter Musik, die ich kenne, und das ist gerade bei den zahlreichen an akademischer Korrektheit leidenden Rekonstruktionen solcher Werke sehr zu loben.