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20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"...they must be very strange...", 4. Januar 2007
KRASS...
Hier Robert Fripps trockener Kommentar zu "Lizard" während der Remastering-Sessions der klassischen "King Crimson"-Alben im Spätsommer 99: "Overall, the album is unlistenable. Our remastering shows just how unlistenable. I am unable to recommend that anyone part with their hard-earned pay for this one, unless they want to take it to parties and play it at unwelcome guests. There are some "Lizard" lovers, I know. They must be very strange."
Das dritte "King Crimson"-Album, "Lizard" gehört zu ihren seltsamsten, verstörendsten - musikalisch wie textlich -, aber auch großartigsten Werken überhaupt. Vom Anfang bis zum Ende wird eine merkwürdig verzerrte, surreale Stimmung heraufbeschworen.
Von der letzten Crimson-Platte übrig sind noch Fripp, Sinfield, Saxophonist Mel Collins und Keyboarder Keith Tippett. Diesmal neu dabei: Gordon Haskell an Baß und Gesang (der auf "In The Wake Of Poseidon" schon "Cadence And Cascade" singen durfte) und Andy McCulloch als Schlagzeuger, ergänzt durch weitere Gastmusiker an Oboe, Kornett, Posaune. Die Instrumentierung ist vorwiegend akustisch, dennoch werden elektronische Keyboards und Synthesizer-Klänge immer wieder mit großem Effekt eingesetzt. Auch das Mellotron kommt zu Ehren, aber nicht als bombastischer Akkordfüller, sondern als ein Teil des Arrangements neben anderen.
Schon das erste Stück, "Cirkus", mit seinem ruhigen Anfang - plingendes E-Piano, sanfter Gesang -, der plötzlich vom hämmernden Mellotronstreichern verdrängt wird, mit seinen schräg-schönen, bitter-süßen Akkorden, schwebenden Synthie-Klängen im Hintergrund und fließendem Sax-Solo von Mel Collins, hypnotischen, schrägen Schluß und obskuren Lyrics, macht klar, das hier keine besonders leicht zugängliche Kost geboten wird. "Indoor Games" und "Happy Family" wirken beide spöttisch, sarkastisch und wieder irgendwie unwirklich. Sich scheinbar lustig machende Bläsersätze werden kontrastiert mit seltsam plastikmäßigen Synthie-Sounds und Fripps fließender, aber dennoch kantiger Gitarren-Begleitung. Andy McCulloch spielt ein geschäftiges Schlagzeug, das kaum einmal einen Takt lang in einem Rhythmus bleibt, sondern über ständige Fills und Variationen zum seltsam unruhigen, verstörenden Grundsound beiträgt. Ständige Tempoverschleppungen über eingeschobene langsame, schwebende Stellen tun ein übriges. Dazu die VCS3-verzerrte, gurgelnde Stimme in "Happy Family" und viel zu laute, free-jazzig ekstatische E-Piano-Eskapaden von Tippett, die scheinbar nichts mit dem restlichen Stück zu tun haben, mittendrin plötzlich ein jazziges Flötensolo: bizarr, aber klasse. "Lady Of The Dancing Water" wirkt da als melancholischer ruhiger, akustischer (Gitarre, Flöte, Posaune, Gesang) Gegenpol endlich etwas entspannend.
Der große Kulminationspunkt des Albums ist jedoch das seitenlange, vielteilige Titel-'Epic': "Lizard". Eingeleitet von einer sanften, melancholischen Melodie mit schrägen sirrenden Klängen darunter ertönt Jon Andersons Stimme (yes, genau der!), nur um plötzlich in einen fast fröhlichen, deplazierten und deshalb verwirrenden Mitklatsch-Teil inklusive rückwärts ablaufender Gitarre zu gleiten: "Prince Rupert Awakes". Nach einer bombastischen Variation der Hauptmelodie beginnt ein sich langsam gradweise aufbauender klassisch-spanisch angehauchter Bolero über eben jener melancholischen, ergreifenden Melodie in Trompete, Mellotron, Oboe, Klavier mit monotoner Schlagzeugbegleitung, der nach und nach immer mehr zu einer new Orleans Jazz-Nummer mit typischen parallelen bluesigen Impros über dem Bolero-Rhythmus gleitet und danach zum streng durchkomponierten Bolero zurückkehrt: großartig. Das nachfolgende "Battle Of The Glass Tears" beginnt mit einem aus weiter Ferne rufenden Cor Anglais ("Dawn Song"), danach übernimmt Gorden Haskell den Gesang in einem ruhigen Teil mit tupfendem Klavier, in dem ab und an leichtes Timpani-Grollen schon den nachfolgenden Ausbruch schwerer Mellotron-Streicher andeutet. Dazu dann wieder zerissenes Schlagzeug, Salon-Bariton-Sax-Stellen, atonales Flötensolo, quietschende Posaune, schräge Gitarre, immer heftigerer Freak-Out: "Last Skirmish" ist "The Devil's Triangle" im Quadrat. Plötzlich Ruhe: "Prince Rupert's Lament" sind Fripps kantige, seltsame E-Gitarren-Linien über einem sonoren Baß-Ostinato, die immer näher kommen, um dann wieder in der Ferne zu verschwinden. "Big Top" ist seltsames Geplinge, Geklirre über einer Mellotron-Melodie, die immer schneller, immer höher wird und schließlich verklingt: bizarr.
"Lizard" ist anstrengend, grausam, bizarr, neurotisch, surreal, irrsinnig, verdreht, abgehoben, prätentiös, kurz: vollkommen bekloppt. Aber auch kurzweilig, komisch, erhebend, amüsant, erstaunlich, ergreifend, kurz: genial. Für mich ist "Lizard" in all ihrer Unzugänglichkeit und ihrem Geheimnis eine der lohnenswertesten und brilliantesten Platten, die ich kenne. Aber sicher ist dies kein Stoff für jedermann: "an acquired taste", wie der Engländer sagt.
Das letzte Wort habe aber ich: KRASS
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10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
dritter streich..., 3. Juli 2009
king crimson kamen aus dem nichts, entwickelten sich rasant und befanden nach sieben fulminanten alben in - bis auf mastermind robert fripp - wechselnden besetzungen, dass es nun auch wieder genug ist.
alles andere nach "red" heißt zwar noch KC, hat aber mit der musik der großen sieben alben nichts zu tun.
wir rasant die entwicklung stattfand, kann man anhand der veränderungen von album zu album gut nachvollziehen. "in the court of the crimson king" war noch irgendwie experimentell, tastend, zu wenig selbstbewußt, trotzdem großartig.
"wake of poseidon" strotzt bereits von selbstbewußtsein, aber man versuchte offenbar, das konzept des erstlings zu kopieren und zu übertrumpfen, was zweifelsfrei mehr als gelungen ist.
bereits ein halbes jahr später kam dann diese hier. auch bei "lizard" befindet sich ein ausgedehntes psychodelicstück auf der zweiten seite (ich hörte ja viel länger die LP!) aber sonst ist alles anders. die musik ist freier, experimenteller, geworden.
"circus" ist ein im dunkeln funkelndes stück musik, das sich (was irgendwann KC-typisch genannt werden sollte) ständig steigert und dann in das etwas schräge "indoor games" übergeht, eine absichtlich aufgeblasene, kantige nummer in der KC einzigartig dahinrumpeln und -poltern. es folgt der auszählreim "happy family", um den derartig herummusiziert wird, wie man es woanders oder vorher wohl noch nie gehört hat.
als abschluss der ersten seite folgt eine wunderschöne entspannte ballade, hier wird das folgende album "islands" schon vorweggenommen.
tja, zweite seite "lizard"... als gastsänger holte man sich jon anderson, der sich hier durch einen völlig abgehobenen, schwebenden klangkosmos singt und dabei auf gekreische oder überbelastung seiner stimmbänder wie bei "yes" verzichtet. hier singt er genau das, was er kann und bleibt dabei völlig entspannt und das tut seiner stimme bemerkenswert gut.
bei dem folgenden boleroartigen teil entwickeln sich über dem stoischen drumset spannende "gespräche" zwischen diversen blasinstrumenten, im hintergrund klimpert keith tippet völlig abgehoben dahin und trägt auch zur allgemeinen steigerungstendenz bei. und wenn dann das mellotron auch noch reinfährt...
das hier kann man langatmig oder bombastisch finden. wenn man aber drauf einsteigt, abhebt und mitfliegt, könnte "lizard" für mich stunden dauern, so ein stück gab es auch noch nie vorher - und nachher wieder - zu hören.
trotz realtiv leichtem zugang benötigt diese scheibe zeit, um ihre wahren qualitäten zu offenbaren. ich liebe sie und sie zieht mich jedesmal auf's neue in ihren bann!
das originale analogmaster ist schon sehr gut gewesen, das digitale remaster macht diese musik noch etwas durchhörbarer, vor allem die drums und der bassbereich sind besser belichtet.
10 sterne!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Experiment vor Komposition, 3. Juli 2009
,Lizard' erschien ein halbes Jahr nach ,In The Wake Of Poseidon' und vielleicht liegt es ja daran, dass dieses Album kompositorische Schwächen zeigt.
,Cirkus' hat eine durchaus schöne Melodie, aber es wurde irgendwie nicht zu Ende gedacht, ,Indoor Games' wirkt kantig und verstörend, aber auch ein wenig aufgebläht, und ,Happy Family' hat zwar einen recht guten groove, der aber dieser melodisch sehr simplen Nummer (wurde offenbar von einem Kinder Auszählreim abgeleitet) auch nicht die nötige Relevanz verleihen kann, zumal die schrägen jazzigen fills hier einfach zu aufgesetzt und akademisch klingen. Und im Gegensatz zu den von der Klassik beeinflussten songs von ,Poseidon' ist dies hier schon Jazz, oder eigentlich Jazz-Rock.
,Lady Of The Dancing Water' ist eine ruhige schöne Akkustikballade die auch als perfekte Einleitung zur - die ganze 2te Seite einnehmenden - Suite ,Lizard' ist. Der erste Teil - das von Jon Anderson gesungene ,Prince Rupert Awakes' gehört dann aber zu den stärksten Melodien die Crimson je geschrieben haben. Fast klassisch, aber nicht überladen, lieblich, aber nicht kitschig ist das hier arrangiert.
,Bolero' ist dann ein gelungenes Jazz-Experiment, denn wie zum rhythmischen Bolero Grundgerüst von Bass und Schlagzeug hier die Bläser und das Piano gleichzeitig - teilweise in einem swing beat - improvisieren, ist ein Konzept das ja aus dem free-jazz entlehnt ist - nur dass sich hier alle an die vorgegeben Tonart und das Tempo halten. Macht unheimlichen Spaß, und kann man immer wieder hören, weil man sich jedes Mal auf ein anderes Instrument konzentrieren kann, ohne dass die anderen dabei zu schräg wären. ,The Battle Of Glass Tears' erinnert dann mit seinem bombastischen Intro an ,In The Court', gerät aber, trotz guter Melodie ein wenig zu lang. Das verstörende, langsam vom rechten in den linken Kanal wandernde ,Big Top' sehe ich dann aber primär als klangliches Experiment.
Lizard hat seine packenden Momente, vor allem die Suite, insgesamt aber gewinnt man hier den Eindruck, dass Fripp und Co während der Aufnahmen zu ,Poseidon' viele neue klangliche Ideen hatten, die Sie möglichst schnell umsetzen wollten, dabei aber leider zu wenig wert auf die Kompositionen gelegt haben.
Fazit: ein klanglich interessantes, manchmal ein wenig verstörendes Album, mit ein paar kompositorischen Highlights, das aber über Albumlänge stimmungsmäßig nie so dicht wird wie ,Poseidon' oder ,In The Court'. Trotz des löblichen innovativen Ansatzes gehen sich hier von meiner Seite nur 3 Sterne aus, weil es einfach über große Teile gestreckt wirkt.
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