Lizard war immer schon das Stiefkind unter den King Crimson Sprösslingen und trotzdem hält sich sein Platz unter meinen drei liebsten Robert Fripp Scheiben.
Durch massive personelle Veränderungen, Druck der Plattenfirma und der Drang nach einem musikalischen Richtungswechsel nach In the Wake of Poseidon wurde Lizard zu einem unvergleichlichen Wechselbad an Stilrichtungen und Stimmungen. Gordon Haskell hat Greg Lake an Stimme und Bass abgelöst und kommt leider nicht an dessen Grösse heran. Fast könnte man ihn als Nicht-Sänger bezeichnen, spröde und trocken, was jedoch den teilweise obskuren Kompositionen keinen Abbruch tut. Cirkus ist ein fantastischer Opener, komplex und visionär, hier scheint man sich buchstäblich in einem Film zu verlieren. Im neuen Remaster kommen wie in der gesamten Produktion alle Instrumente klarer und druckvoller ins Bild und manchmal hat man das Gefühl eine völlig neue Platte zu hören.
Am meisten hat mich Indoor Games überrascht, hier tauchen Gitarrenphrasen auf, die im alten Mix total vergraben waren. Happy Family glänzt durch absolutes Chaos, hier scheinen alle Instrumente einen Kampf miteinander aufgenommen zu haben. Sehr bezeichnend, dass sich der wahrhaft böse Text von Pete Sinfield auf das Ende der Beatles bezieht. (Kann sich jemand vorstellen, dass Pete Sinfield viele Jahre später Songs für Cher schreibt und verantwortlich für deren Comeback ist?) Bei Lady of the Dancing Water gefällt das Bonus Stück in der Piano Version besser, es kommt weicher und flüssiger rüber, allein dieses wunderbare Kleinod ist für den Fan der Kauf wert.
Jetzt kommen wir zum Meisterwerk, King Crimsons` längstes Stück, Lizard. Anfangs noch beeinflusst von Mid-Sixties Sounds a la Donovan, hervorragend gesungen von Yes` Jon Anderson, verändert sich die Stimmung kontinuierlich, um über sanften Jazz in immer ungestümere Territorien vorzudringen. Wild kämpfen sich die Bläser um das fragile, weiche Bass/Snare Gerüst, (hier auch toll: der Bolero Remix mit neuem Bass von Tony Levin) um sich immer weiter von der Urmelodie zu entfernen, um letztendlich wieder aufgefangen zu werden vom versöhnlichen Mellotron und der Oboe. Zum Ende die totale Zerstörung - hier brechen ganze Welten zusammen, thematisch ähnlich wie in The Devils Triangle von der Vorgänger LP.
Porcupine Tree`s Steven Wilson hat hervorragende Arbeit geleistet, dieses komplexe Monster neu zu mixen, das angeblich aus hunderten von Tonschnipseln aus den Originalbändern zusammen zu schneidern war. Somit ist er der wahre Held dieser Neuveröffentlichungen und hat ein Mega Lob verdient. Zum ersten Mal hat man hier die Möglichkeit, tiefer ins Herz von King Crimsons einzutauchen, regelrecht MEHR zu hören und zu fühlen. Auch wenn Lizard eine schwieriges Werk ist, vielleicht auch nur ein Übergang zu Islands bzw. Larks Tongues in Aspic, vergessen wir nicht, hier haben wir 1970 und niemand, ABSOLUT NIEMAND hat zur der Zeit ein derartig bizarres, modernes und mutiges Werk geschrieben, unkommerziell, komplex und zeitlos.
Vielleicht ist ja jetzt die Zeit gekommen, um Lizard endlich seinen gebührenden Platz in der Rockgeschichte einzuräumen.