Achtung, dieses Feuer lässt sich so leicht nicht wieder löschen!
Nachdem Livingston die Erwartungen mit der neuen Single „Supernova“, einer unwiderstehlich eingängigen und ungemein dynamischen Rocknummer, bereits mächtig angeheizt haben, erzeugen sie nun mit ihrem zweiten Longplayer „Fire To Fire“ einen wahren Flächenbrand. Ein volles Dutzend Hits, das mit seinen intensiven Gefühlsausbrüchen „Beautiful“, „Quiet Not Crazy“ oder „No More Promises“ und kraftvoll groovenden Stücken wie „Somebody“ mit dem afrikanisch angehauchten Percussion-Intro, dem atemlos mitreißenden „Drop The Halo“ oder dem faszinierend kontrastreichen Quasi-Titeltrack „Set Fire To Fire“ das ganze breite Spektrum der Livingston’schen Klangpalette abdeckt.
Und die Platte klingt – ja, das kann man tatsächlich schon bei ihrem zweiten Album ohne jede Übertreibung sagen – unverwechselbar nach Livingston, und dabei sogar noch deutlich reifer, runder und facettenreicher als auf ihrem ohnehin schon bemerkenswert souveränen Debüt „Sign Language“, mit dem die Band im Spätsommer 2009 sogar die Top 20 der Charts knacken konnte. „Ich denke auch, dass wir reifer geworden sind“, bestätigt Jakob Nebel, Gitarrist der mittlerweile zu vier Fünfteln in Berlin beheimateten Band. „Man hört dem Debüt schon an, dass dies unser Anfang war, eine Art Tagebuch der Jahre, die wir von der Gründung bis zum Debüt miteinander erlebt haben. Da ist vieles zusammen gemischt worden, wohingegen ‚Fire To Fire’ eine Platte wie aus einem Guss ist, weil wir sie ja auch so geschrieben haben. Natürlich spürt man auch, dass da jetzt noch ein paar Jahre mehr Erfahrung in der Band stecken, zumal wir in dieser Zeit ja auch extrem viele prägende Erfahrungen gemacht haben.“
Als Band sammelt man seine Erfahrungen bevorzugt on the road, und genau dort sind auch Livingston zu Hause. Nachdem sie schon als ungesignte Band, nur mit der in Eigenregie produzierten „Wide Asleep“-EP im Gepäck, ausverkaufte Clubtouren im In- und Ausland gespielt haben und mit solch unterschiedlichen Acts wie The Duke Spirit, Revolverheld, Ich+Ich, oder Blind unterwegs gewesen waren, ging es nach der Veröffentlichung von „Sign Language“ erst so richtig rund. Neben diversen eigenen Touren zeigten Livingston, dass sie auch die ganz großen Bühnen voll und ganz auszufüllen wissen. So begeisterte die Band 2010 das Publikum von Festivalgiganten wie Rock am Ring und Rock im Park und war im Jahr darauf bei den Open-Air-Spektakeln der Mega-Abräumer Unheilig zu Gast. „Das war eine riesige Stadiontour, bei der wir jeden Abend vor zwischen 10.000 und 40.000 Leuten gespielt haben“, erzählt Jakob. „Mit dieser Tour konnten wir viel mehr Leute erreichen als auf jede andere Art“, und wie schon bei den scheinbar unpassenden Mischungen zuvor haben sie auch dort Abend für Abend unzählige neue Freunde gewonnen. Diese Band funktioniert offenbar mit jedem Publikum und ist dabei keineswegs auf Deutschland limitiert, was kurz zuvor auch schon die Tour mit Apocalyptica belegt hatte. „Das ging quer durch Europa, wir haben in elf Ländern gespielt“, blickt Drummer Paolo Serafini zurück. „Und obwohl wir ja ganz andere Musik machen, kamen wir immer gut an, egal, was da für ein Publikum war. Die Leute merken halt schnell, dass wir eine ‚working Band’ sind, und das kommt eigentlich überall gut an.“ Er bezieht das nicht so sehr auf die Arbeiterklasse, sondern sieht Livingston „als eine Band, die ohne jeden Firlefanz auskommt, die die Ärmel hochkrempelt, auf der Bühne hart arbeitet und sich für nichts zu schade ist.“
Auf der Tour mit den finnischen Cello-Rockern trafen sie auch zum ersten Mal den Mann, der für das Gelingen von „Fire To Fire“ von entscheidender Bedeutung werden sollte. David Bottrill, dreifacher Grammy-Gewinner und Top-Produzent (u.a. Tool, King Crimson, Muse) nahm gerade in Antwerpen mit der Band dEUS deren neues Album auf, als Livingston in Brüssel Station machten. Bottrill fuhr kurzerhand rüber, ließ sich von der Show begeistern und hing den Rest des Abends backstage mit der Band ab. Sein Name stand nämlich auf der Liste von Wunschproduzenten ganz weit oben und war einer von „drei sehr namhaften Produzenten, die alle Bock darauf hatten, mit uns die Platte zu machen“, wie Paolo erzählt. „Das war ein cooler Zufall, denn er lebt ja eigentlich in Kanada, weshalb es etwas schwierig ist, sich mal eben zu treffen.“ Man verstand sich auf Anhieb prächtig, klärte schnell die nötigen Details, und nachdem Bottrill die Band in Berlin besucht und bei einigen Sessions im Proberaum kennen gelernt hatte, ging es zusammen in die idyllische englische Landschaft von Surrey, wo Genesis-Gitarrist Mike Rutherford das exquisite Fisher Lane Studio besitzt.
Volle sechs Wochen konnten sie im Frühjahr letzten Jahres dort, eine Stunde von London entfernt und fernab jeder Ablenkung, hochkonzentriert arbeiten, rund um die Uhr spielen und aufnehmen. Dass dabei die Chemie zwischen den fünf Musikern und dem Mann an den Reglern stimmte, hört man dem überaus opulent klingenden, in sich geschlossenen Ergebnis der gemeinsamen Arbeit an. Ob bei den gedämpften akustischen Klängen von „Beautiful“ oder den beseelten Pianoakkorden in „Sink Or Swim“, ob die Gitarren zärtlich flirren wie bei „No More Promises“ oder das satte Riff von „Somebody“ erschallt, wenn der Bass knorrig knarzt wie bei „Perfect Dream“ und die Drums „Drop The Halo“ mit druckvoll stampfenden Beats vorantreiben – da landet jeder Ton exakt auf dem Punkt. Was im Übrigen auch ganz besonders für die variantenreich akzentuierten Gesangslinien von Beukes Willemse gilt. Bottrill, der die Musiker besonders durch seine Arbeiten mit Muse, Placebo und Tool beeindruckt hat, verstand auf Anhieb, wo die Band hinwollte, und hat mit seiner Ruhe und Erfahrung das Optimum aus ihr herausgekitzelt. „Er ist kein Produzent, der sich offensiv einmischt und dir auf der Gitarre vorspielt, wie ein Song seiner Meinung nach zu klingen hätte“, berichtet Jakob. „Aber er kann gut erklären, wo er welches Detail noch wie ins Spiel bringen würde.“
Ob bewusst geschehen oder nicht, fest steht, dass es ihm und der Band gelungen ist, die Trademarks des Livingston-Sounds noch prägnanter herauszuarbeiten. Das betrifft vor allem Beukes Stimme, deren Wiedererkennungswert schon in Richtung Unverwechselbarkeit tendiert, und die Gitarren von Jakob Nebel und Chris van Niekerk, der sich diesmal auch noch verstärkt der Integration des Keyboards gewidmet hat. Zum einen beeindruckt der satte warme Klang bei der Akkordarbeit, zum anderen die mal kristallklaren, hell klirrenden, dann wieder mollig abgedunkelten Melodiebögen, die fast schon für solche Aha-Effekte sorgen, wie es beispielsweise The Edges Gitarre bei U2 vermag. Neben seiner über die Jahre verfeinerten, ganz individuellen Technik vertraut Jakob da auf den einzigartigen Sound eines alten Vox-Verstärkers aus den 70er Jahren und seine alte Jazzgitarre, die ebenfalls eine sehr spezielle Klangfarbe besitzt.
Beim Songwriting bedienen sich Livingston jedoch gern moderner Technologie. So komponiert jeder für sich mit Hilfe seines Laptops und schickt die Ideen dann via E-Mail zur Weiterbearbeitung an Beukes. Nachdem er nämlich fast das komplette letzte Jahr wie die vier anderen in Berlin gelebt hatte, ist der Sänger mit den südafrikanischen Wurzeln nun wieder zurück an den Rand von London gezogen. Der Familie zuliebe, denn Ende September kam sein zweiter Sohn zur Welt. „Hier hat meine Frau ihre perfekte Infrastruktur, Familie und Freunde, und ich bin ja sowieso die meiste Zeit unterwegs auf Tour“, erklärt Beukes die Beweggründe. Und wenn er doch mal daheim ist, sind jetzt auch endlich wieder die langen Waldspaziergänge mit seinen beiden Hunden möglich. Womit die Rückkehr nach England auch dem kreativen Input der Band zugute kommt, denn beim Durchstreifen der Wälder ist Beukes „immer besonders kreativ, ich habe viele Melodien und Ideen für Songtexte im Kopf, die sich später in unseren Songs wieder finden.“
Auch wenn ihn in dieser Umgebung gern mal die Melancholie ergreift, strahlt die Platte ein unbestreitbar positives Feuer aus. Beukes sagt sogar, dass das Leben momentan so sei, wie der erste Song der Platte heißt: Ein „Perfect Dream“. Und so soll der Titel der Platte denn auch zum Ausdruck bringen, wo die Band mit ihrer Musik noch hin will. Und auf diesem Weg sind keinerlei Grenzen nach oben gesetzt. Das Thema Feuer, das sich wie ein roter Faden durch fast alle Songs der Platte zieht, ist dabei als Synonym für Kraft und Lebensfreude zu verstehen. „Das ist das Leben, das große Ganze“, erklärt Beukes. „Wenn der Funke überspringt, entsteht eine schier unglaubliche Energie. Ich will das Feuer anzünden, das Neues entstehen lässt.“ Oder wie ein anderer Song es ausdrückt, den die Musiker als großen Favoriten unter lauter geliebten Kindern benennen: „No More Promises“. Beukes: „Auch hier geht es darum, das Feuer zu entfachen, das Leben in allen Zügen auszukosten und seine Pläne in die Tat umzusetzen, statt sich hinter Versprechungen zu verstecken.“ Keine leeren Worte mehr, nicht träumen, sondern den großen Traum leben. Livingston zündeln schon längst nicht mehr auf kleiner Flamme, diese Band brennt lichterloh und lässt sich durch nichts mehr aufhalten!
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