Von der Aufnahme des Albums an einigen Tagen im April bis zur Veröffentlichung vergingen nur wenige Wochen. Neil Young hatte es versprochen. Und das Resultat dürfte jeden Freund seines Schrammel-Rocks zufrieden stellen. Kritiker vergleichen „Living With War“ mit „Ragged Glory“ von 1990. Ich nehme an, damals ließ er sich wesentlich mehr Zeit. Trotzdem ist die neue LP ein Glanzlicht und eine Rückkehr zu einer Tradition, die ihre Hochzeit am Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger hatte, als in der Rockmusik Tagesthemen bearbeitet wurden, und sie, um glaubwürdig zu klingen, einfach roh sein musste. Das ist „Living With War“ auf jeden Fall. Young schert sich nicht um den Mainstream, sondern meint, dass er etwas zu sagen hat, und er sagt es gleich und direkt. Das ist sehr sympathisch und glaubwürdig. Auch wenn es manchmal infantil klingt. Aber so infantil und platt wie seine vorherige LP „Prairie Wind“ vom September 2005 noch lange nicht. „Living With War“ überzeugt mit seiner inhaltlichen und musikalischen Geschlossenheit. Auf 41 Minuten (Young hängt nach wie vor am alten LP-Format) feuert er mit einer Minimalbesetzung (Gitarre, Bass, Drums – und ab und zu eine Trompete) sein elektrisches Feuerwerk ab und erinnert auch damit musikalisch an längst vergangene Zeiten, als „elektrisch“ noch ein Begriff für hypermodern war. Im Verlauf der Songs kommt ein bisschen Gospel dazu und am Ende der Platte ein sehr schöner, ergreifender und großer Chor, der „America Is Beautiful“ singt wie das Hallelujah. Altmodisch ist Young auf dieser Platte deshalb aber nicht. Seine Stimme bricht manchmal weg (er scheut schon seit einiger Zeit die hohen Tonlagen, die einst eines seiner Markenzeichen waren), die Gitarre klingt aber immer noch wie auf „Eldorado“, dem Album, das er genau wie „Living With War“ mit Chad Cromwell und Rick Rosas einspielte und dabei Crazy Horse in der Garage ließ. In den Texten greift er an; nicht nur in „Let's Impeach The President“ - „Lasst uns den Präsidenten seines Amtes entheben“ (wegen Lügen, Unfähigkeit und Geldverschwendung...), sondern auch im Titelsong („Jeden Tag lebe ich mit dem Krieg/ jeden Tag lebe ich mit dem Krieg in meinem Herzen... und auf dem Flachbildschirm töten und töten wir immer wieder/ und wenn die Nacht kommt bete ich für Frieden“)“ und stellt simple politische Fragen. Eindrucksvoll, wie das zu Herzen geht.