Ja, ich schreibe "weniger" und nicht "anders". Und zwar im vollsten Bewusstsein. Das hier ist nur zum Teil (m)eine Bewertung der neusten LP Platte, sondern v.a. Ausdruck meines Erstaunens darüber, wie unglaublich intolerant viele (nicht alle) Fans der Formation jede schlechte Kritik als Hörbehinderung abstempeln wollen.
Beide Punkte hängen miteinander zusammen. Denn, wie viele andere eher verhalten rezensierende Hörer hier oder in einschlägigen Publikationen, habe auch ich etwas gänzlich anderes, u.a. mehr Remineszenz an die ersten Werke der Band, erwartet. Liegt das daran, dass "wir" die "ewig gestrigen" sind, die musikalisch anno 2000 stehen geblieben sind, und die nichts als "Nu Metal Geknüppel" hören wollen? Man beachte für eine Sekunde, wie diejenigen, die ansonsten vom unverwechselbaren Sound ihrer Idole und deren unfehlbarer Genialität reden, also wohl der Meinung sind, dass diese Götter früher weniger intelligente, immer gleiche Genre-Schubladen bedienende Musik gemacht haben...
Zurück zum Thema: In zahlreichen Interviews haben Bandmember nunmal solche die Erwartungen hochhaltende Versprechungen abgegeben, und wenn diese letztlich unerfüllt bleiben, dann ist es nicht verwunderlich, dass das bei einigen sauer aufstößt.
In meinen Augen/Ohren ist die Platte in Ordnung, aber auch nicht mehr. Ich würde sie insgesamt ein solides Pop Album nennen, das mit Sicherheit besser ist, als das meiste, was auf Mainstream Radiosendern gespielt wird. Aber das ist nicht unbedingt die Messlatte, die ich anlegen möchte, um gute Musik vom Rest zu trennen (die Konkurrenz ist einfach zu groß).
Wer dieses Album, oder den Vorgänger "A Thousand Suns" nicht mag oder mochte, der wird von loyalen Fan(atic)s oft als musikalisch unterbelichteter Banause hingestellt. "Uuuhhhh, A Thousand Suns war ja immerhin ein Konzeptalbum, das ist was mit Anspruch, das versteht halt nicht jeder". Oder: "Uuuhhh, sie brechen halt zu neuen musikalischen Ufern auf und verknüpfen auf eine virtuose und nie da gewesene Art und Weise Stile und Genres miteinander".
Ähhhhhh... sorry. Nein?
Wenn andere unter einem musikalischen Felsen hausen und der Meinung sind, die Jungs von LP hätten irgendwo ein Rad neu erfunden, dann tut mir das sehr leid, ich sehe das aber nicht als validen Grund, meinen Standpunkt zu den aktuelleren Machwerken abzuwerten.
Bei allem selbstgeäußerten künstlerischen Anspruch (und ich bin einfach mal so naiv und gutgläubig, zu unterstellen, dass das der Grund ist, der hinter der Musik von LP steht, und dass nieeemand sonst da ein Wörtchen mitzureden hat) sollte auch immer noch gute Musik dabei herauskommen! Dass das letztlich definitionsabhängig und daher subjektiv ist, ist ja nichts neues. Für MICH PERSÖNLICH scheitern LP daran aber zusehends. Ja, ich fand ATS an sich durchaus stimmig, wenn auch nicht überragend. Dass jeder zweite Track auf einem Konzept-Album ein muskalisch völlig belangloser einminütiger Filler voller "sphärischer" Klänge sein müsste, das ist mir neu. Vielleicht sollten einige Verfechter dieser These, deren Kenntnis von Konzeptalben altersbedingt offenbar bei "American Idiot" anfängt und bei ATS aufhört, den Begriff mal googeln, und sich einige der wirklich großartigen Konzeptalben der Rockgeschichte anhören.
Aber das Konzeptargument greift bei Living Things ja ohnehin nichtmal, von daher egal. Ich höre mit Living Things (mittlerweile näher ich mich dem zehnten Durchlauf) ein Album, das hinter sämtlichen Versprechungen zurückbleibt. Ich höre nicht die Härte und Gitarrenwände wie früher. Ich höre nicht die "mein Gesicht schmelzenden Teppiche fieser, fetter elektronischer Beats und Bässe". Ich höre vor allem eine ziemlich konzeptlose (haha) Aneinanderreihung diverser Songs, die für sich schon noch irgendwo LP bleiben, aber einen umgreifenden Rahmen, ein Konzept im weitesten Sinne, oder auch nur einen klaren Stil völlig vermissen lassen. "Beliebig" fällt mir dabei ein.
Ich würde nichtsdestotrotz die ersten vier Tracks als soliden Einstieg bezeichnen.
"Lost in the Echo" lässt einen Hauch aktueller Electronic Einflüsse erahnen, sowohl im Bereich des Beats, der mir gefällt, als auch mit den Synthies, die mich dann aber doch eher stark an Großraumdisko als an elektronische Musik hochwertigerer Provenience erinnern. Aber nun denn, vielleicht wollten sie nicht zu subtil vorgehen, damit auch der letzte merkt, was hier passiert...
"In my Remains" fängt vielversprechend an, nur scheint es mir, dass LP, in der Bemühung an glorreichere Zeiten anzuknüpfen, eher ein abgeschmacktes Klischee ihrer selbst bedienen. Die zweite Hälfte des Songs ist einfach nur noch öde.
"Burn it down" ist ja schon ein Weilchen zu hören gewesen, und hey, ich drück da ein Auge zu. Recht uninspirierter Popsong? Klar, aber solide ausgeführt. Dennoch, wer irgendwelche Zweifel hat, wo LP mittlerweile angekommen sind: Zur Untermalung der Trenner bei der Berichterstattung zur EURO 2012 reicht es noch.
"Lies Greed Misery" ist ein netter Song. Er bietet Anlehnungen an aktuelle Electronic Songs, eine gewisse Feelgood Stimmung, die sogar zum Ende hin dezent kontrastiert wird. Er startet mit guten Passagen von Shinoda, zum Ende lässt der Track nicht nach, und implementiert sukzessive Bennington mit seinen Stärken.
Diesen vier Songs gebe ich persönlich 4/5.
Mit "I'll be Gone" und "Castle of Glass" folgen für mich zwei recht leblose Filler Tracks, auch wenn ich nicht leugnen kann, dass LP sich hier selber in epischer Breite selber zitieren. Im ersteren Falle erhalten wir eine recht eintönige Midtempo Nummer, die man so von LP schon oftmals gehört hat (und das mein ich nicht im guten Sinne, denn wir wollen ja nicht so tun, als hätten Hybrid Theory, Meteora und Minutes to Midnight ausschließlich starke Songs enthalten). Im zweiten Fall erinnern sie mich durchaus an "Breaking the Habit"; in einer weichgespülten Fassung. Aber was die Instrumentalisierung und das Songwriting angeht, versuchen sie hier wohl den Bogen zurück in die Vergangenheit zu schlagen. Ich gebe für beide Songs 3/5.
"Victimized" wird jedem um die Ohren gehauen, der findet, dass Living Things nicht die versprochenen Riffwände und den Biss von alten Platten hat. Es wäre ja schließlich der härteste Song der Platte. Das mag sein. Ist er _deshalb_ nur 1:46 lang? Trauen sie, oder das Label, sich nicht, so einen Song in Komplettlänge auf den Silberling zu pressen? Ansonsten würde ich die Euphorie hier aber ohnehin gleich einbremsen. Die jüngeren mögen den Umstand nicht so präsent haben, daher empfehle ich mal ein gegenhören mit QWERTY von "Songs from the Underground". Was die cleveren Herren hier gemacht haben, ist ein 42 sekündiges "Intro" zu komponieren, und ansonsten einen alten Track von sich selber zu verwursten. Rhythmus, Gitarre und Gesang sind sehr, seeeehr stark an QWERTY angelehnt. 4/5 für den Versuch.
Mit "Roads Untraveled" nehmen sie "geschickt" sämtliche Energie aus Victimized direkt wieder raus. Es wird der niedrigste Gang eingelegt, und es gibt einen ruhigen Track. Der ist als solcher noch nichtmal übel (!), die Instrumentierung ist durchaus nett. Schwankend zwischen 3 und 4 Punkten entscheide ich mich für 3/5, da ich keine Songs mag, deren Gesangsanteil zu 50% aus "whooohooohooohoooohooohoohoooo" besteht, und die ab der Hälfte das komplette Pulver verschossen haben. Für ach so experimentierfreudige Musikpioniere wird mir hier das Intro-Verse-Chorus-Verse-Chorus-Chorus Schema viel zu oft einfallslos runtergedudelt. Wie Victimized bei 1:46 und dieser schnell abgenutzte Song bei 3:50 rauskommen, ist mir schleierhaft.
"Skin to Bone" folgt, und damit für mich einer der Tiefpunkte des Albums. Ein nicht ernst zu nehmendes elektronisches Fundament und darüber ein folkig-angehauchtes Rumgeschwurbel. Und bevor die Vorwürfe kommen: Nein, ich bin nicht zu dumm, das zu verstehen, ich habe nichts gegen solche Kombinationen, aber solche Folk Elemente (wir reden ja nicht von fröhlichen irischen Geigern o.Ä.) mit Rock, das haben vor GUTEN zehn Jahren SoaD wesentlich authentischer, subtiler und weniger bemüht verknüpft. Folk und Rockmusik sind absolut nichts neues, nur hier ist es _einfach nicht gut gemacht_! Hier ist es ein Ausreißer, der mit dem übrigen Album kaum in Zusammenhang steht. 2/5 mit LP Bonus.
"Until it Breaks" hätte gewissermaßen auch auf ATS Platz gefunden, und ist für mich der stärkste Track auf Living Things. Zum einen glaube ich hier LP das erste mal, dass sie sich tatsächlich ein wenig mit zeitgemäßen elektronischen Beats auseinandergesetzt haben. Sie bieten außerdem mal besseres Songwriting, das auch eher ihrem selbstbekundeten Anspruch der musikalischen Experimentierfreude gerecht wird. Hier würde ich doch ausnahmsweise attestieren wollen, dass sie tatsächlich gekonnt innerhalb eines Tracks mehrfach zwischen Stimmungen und Genres wechseln, ja: damit spielen. 5/5 von mir.
Leider handelt es sich bei diesem Höhepunkt der Platte um ein kurzes Strohfeuer. Es folgt "Tinfoil", ein 1:12min Track, der nichts anderes ist, als das Intro zum letzten Track "Powerless". Hätte auch beides bequem in einem Track Platz gefunden. Naja, ich gebe für Tinfoil 2/5, weil Mr. Bourdon an den Drums subtil ein bisschen Oldskool LP Feeling aufkommen lässt.
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