Von Puccinis Melodrama "Madame Butterfly" sind eine ganze Fülle hochrangiger Aufnahmen auf dem Markt, und es ist letztlich vergebliche Liebesmühe entscheiden zu wollen, welche von ihnen wohl als die beste zu gelten hat.
Erich Leinsdorfs Einspielung von 1962 vereinigt allerdings sehr viele Vorzüge, insonderheit hat sie mit Leontyne Price die wohl rollendeckendste Titelfigur aller Gesamtaufnahmen anzubieten.
Keine andere Sängerin, noch nicht einmal Maria Callas, versteht es, so überzeugend die Verwandlung vom jungen, unschuldigen Mädchen des ersten Aktes zur reifen, tragischen Frau und Mutter im Fortgang der Handlung darzustellen. Dabei gelingt es ihr, alle Farbschattierungen dieser komplexen Rolle mit ihrer herrlichen Stimme nachzuzeichnen. Damit ist Leontyne Price die ideale Butterfly auf Platten schlechthin. Sie macht Puccinis "Tragödie einer Japanerin" zu einem ergreifenden Erlebnis.
Zudem hat sie nahezu ideale Partner: Richard Tucker verkörpert den arroganten Leutnant Pinkerton sehr plastisch und glaubhaft, und Rosalind Elias als Suzuki liefert eines ihrer schönsten Rollenporträts ab. Sie singt nicht nur sauber und tonschön, sondern stattet diese Figur mit vielen Nuancen aus, die anderen Sängerinnen ganz einfach entgehen. Lediglich Philip Maero scheint mir ein wenig deplaziert, er weiß mit seiner Rolle nicht sehr viel anzufangen und bietet nur guten Gesang, lässt jedoch einiges an Gestaltungsvermögen vermissen.
Wäre nicht die orchestral nach wie vor unschlagbare Barbirolli-Aufnahme (EMI) auf dem Markt, so müsste man Leinsdorfs Aufnahme an die erste Stelle setzen, trotz Karajans glanzvoller Decca-Aufnahme von 1973, die mich aber trotz sensationeller Besetzung sängerisch nicht so sehr überzeugen kann.
Leinsdorf ist ein erfahrener Operndirigent, und auch hier zeigt er wieder seine Qualitäten. Er ist ein einfühlsamer Begleiter und ein sorgfältig differenzierender Koordinator. Chor und Orchester der RCA Italiana (d.i. das Ensemble der Römischen Oper) sind ebenfalls auf der Höhe ihres Könnens, so dass auch von dieser Seite nur Erfreuliches zu vermelden ist.
Das schön gestaltete mehrsprachige Textbuch enthält das Libretto in italienisch/englisch und eine gute Einführung in das Werk. Zudem zeigt es als Titel das Original-Cover der alten LP-Erstausgabe. Für jeden Opernliebhaber ein wahres "Schmankerl".