Man könnte das neue Cher Album als verpasste Chance bezeichnen. Das liegt zum größten Teil an der unglücklich gewählten ersten Singleauskopplung "The Music's no good without you" die mit einem nur mittleren Erfolg ihrerseits auch dem Album hohe Chartplätze verwehrt hat. Mit seinen musikalischen Elementen wie dem (hier doch stark übertriebenen) Vocodereffekt ist "The Music's.." ganz klar als ein weiterer Trendbote angelegt und doch setzt sich die Nummer nur schwer ins Ohr.
Das gilt keinesfalls für den Rest des Albums. Denn wer "Believe" mochte, wird "Living Proof" lieben, bei dessen restlichen 11 Songs man sich vor energiegeladenen, tanzbaren Pop-Danceohrwürmern und hochklassigen Singlekandiaten kaum retten kann. Allen voran das beinahe hymnische "A Song for the Lonely" das ein Tribut an all die Feuerwehrmänner vom 11. September in New York darstellt und das nicht nur durch seinen Text sondern auch den mitreißenden Refrain erfolgreich das Erbe von Hits wie "Strong Enough" oder "All or Nothing" antreten kann. Weitere Höhepunkte und Hitkandidaten folgen auf dem Fuße, "A Different Kind of Lovesong", "Love so high", und "Love is a lonely Place without you" sind ebenfalls melodiestarke Discosongs erster Güte und sorgen mit ihrem unwidestehlichen Groove für eine gute Durchblutung der Beine auf den Tanzflächen.
Sie entstanden erneut in Zusammenarbeit mit dem Metro-Team, das schon für 'Believe" die Hits lieferte und mit seiner neuen Mischung aus 70er Jahre Discoelementen zum Einen, und dem brandneuen Vocodersound zum Anderen nach dem Cher Comeback zahlreiche Aufträge anderer namhafter Künstler (u. a. Tina Turner, Enrique Iglesias) erntete. Wie schon auf dem letzten Album darf auch auf "Living Proof" ein Latinosong nicht fehlen, das ist hier "Body to Body- Heart to Heart" aus der Feder einer alten Bekannten, der Oscarpreisträgerin Dianne Warren. Noch hervorzuheben wären die beiden Songs die in Zusammenarbeit mit dem britischen Danceprojekt "Chicane" entstanden, zum einen das ebenfalls als Hymne angelegte "Alive Again" und ganz besonders das trancige "You Take it all", das von sparsamem Arrangement lebt aber dafür den Schwerpunkt auf Cher's Stimme rückt, die den Song im typischen Chicane Sound auf sehr emotionale Weise herüberbringt. Den Abschluss bildet mit "When the Money's Gone" ein weiterer Ohrwurm, der ein Album abschliesst das Millionenverkäufe verdient hätte.
Die Entscheidung seitens der Plattenfirma, nach dem mässigen Abschneiden der ersten Single europaweit keine weitere mehr auszukoppeln ist angesichts des immensen Hitpotenzials der CD einfach nicht nachzuvollziehen. Wirklich schade für dieses gänzlich unterschätzte (vielleicht beste) Cher Album!