Wie viele Gebete in Form eines Popsongs wurden je Nr. 1-Hits? George Harrison ist es nach My sweet Lord mit Give me Love (Give me Peace on Earth) gleich ein zweites Mal gelungen! "Living in the Material World", Georges zweites Studioalbum nach der Trennung der Beatles (1973) bleibt sein "spirituellstes" Album; lediglich der Sue me, sue you Blues widmet sich dem sehr irdischen Thema der Rechtsstreitigkeiten mit den übrigen Beatles. Wie im Begleittext richtig vermerkt, folgte George hier keinen Trends, setzte aber auch keine; dem Erfolg von "All Things must pass" und "The Concert for Bangla Desh" war es sicherlich zu verdanken, dass auch dieses Album auf Platz 1 in den USA landete, selbst wenn man einräumen muss, dass es deren hohen Standard nicht mehr ganz halten konnte.
Begleitet von Musikern, die auch (außer Nicky Hopkins und Gary Wright) auf beiden genannten Alben mitwirkten (Ringo, Jim Keltner, Jim Horn, Klaus Voormann), gelang George ein sehr gutes Album, auf dem er sämtliche Gitarrenparts selber spielte, wobei seine Slide-Gitarren-Arbeit als sein neuestes Markenzeichen hervorzuheben ist; die Streicherarrangements von John Barham allerdings dicken den Sound doch teilweise etwas sehr süßlich auf, wenn Chöre jubilieren und Harfen zirpen... mehr wäre dann zu viel gewesen. George experimentierte mit offenen Gitarrenstimmungen und kam dabei zu interessanten Ergebnissen. Neben Give me Love und dem Sue me sue you Blues ragen besonders das ätherische Be here now und der humorvoll rockende Titelsong (mit seinen "indischen" Einschüben) heraus.
Die beiden Bonustracks sind Miss O'Dell, die B-Seite von Give me Love, und Deep blue, die B-Seite der '71er Single Bangla Desh. Ärgerlich ist, dass bei dieser Gelegenheit - wie schon bei den Remasters von "All Things must pass" und "The Concert for George" - erneut vergessen wurde, die A-Seite selbst, die Studioversion von Bangla Desh, endlich auch mal remastert zu veröffentlichen!
Try some buy some hatte George - mit demselben Backingtrack wie auf diesem Album - bereits 1970 mit Phil Spector für dessen damalige Frau Ronnie produziert (ebenso wie You, das erst '75 auf "Extra Texture" erschien); schade, dies wäre eine gute Gelegenheit gewesen, diese '71er Ronnie Spector-Rarität (samt ihrer albernen B-Seite Tandoori Chicken, die ebenfalls unter Georges Mitwirkung entstand) mit zu veröffentlichen!
CD bzw. DVD sind mit den Etiketten der Original-LP bedruckt; das üppige Booklet glänzt mit einem gutem Begleittext, wunderschönen Auszügen von den Foto-Sessions für die LP-Innenhülle sowie allen Songtexten, komplettiert mit Georges Kommentaren und Reproduktionen handschriftlicher Songtexte, sämtlich seinem Buch "I me mine" entnommen.
Die Bonus-DVD ist mit rund 13 Minuten enttäuschend kurz geraten und beinhaltet (abgesehen von einem kurzen instrumentalen Ausschnitt aus Don't let me wait too long) nur vier Bonustracks: 1. einen Videomitschnitt von Give me Love, aufgenommen am 15.12.'91 in Tokio (identisch mit der Version auf "Live in Japan"); 2. die interessante Demo-Version von Sue me sue you Blues (unterlegt mit Bildern einiger von Georges Akustikgitarren); 3. eine alternative Version von Miss O'Dell, die sich vom Original hauptsächlich darin unterscheidet, dass die beiden Zeilen, die George mit einem ansteckenden Lachen sang, durch "ernsthafte" Gesangsparts ersetzt wurden (dazu werden weitere witzige Fotos aus der Session für die LP-Innenhülle gezeigt), und 4. einen Auszug aus dem Titelsong, der mit einem Kurzfilm über die Herstellung der LP im Presswerk untermalt ist.
Das gelungene Mastering schlägt das der '91er CD-Erstauflage um Längen (was allerdings auch nicht allzu schwierig war). Bleibt nur eine Frage offen: wann folgen endlich noch "Dark Horse" und "Extra Texture" in diesem Soundgewand und in dieser liebevollen Aufmachung?