(Vorsicht, Spoiler!)
Dieser Wortwechsel zeigt, daß es nicht immer einfach ist, zwischen Mensch und Zombie zu unterscheiden, was nicht unbedingt daran liegt, daß die Zombies eine Charmeoffensive gestartet hätten. Es ist vielleicht bezeichnend, daß sich das 19. Jahrhundert noch Vampir- und Werwolfgeschichten erzählte, die auf uraltem Aberglauben basierten, während des späte 20. Jahrhundert dann mit Außerirdischen und Zombies um die Ecke kam. Vielleicht hat jede Gesellschaft nicht nur die Regierung, sondern auch die Horrorgestalten, die sie verdient?* Spiegelte der wohlige Grusel um den Werwolf beispielsweise den unbewußten Konflikt zwischen Zivilisation und atavistischer Aggression wider - so brachte das vorvorherige Jahrhundert eben auch Freud und seinen ganzen Kram, den Imperialismus und fadenscheinige Rechtfertigungsversuche à la Kipling hervor -, der im 19. Jahrhundert den philosophischen Diskurs bestimmte, so ist für uns moderne Menschen der Zombie ungleich gruseliger, weil er eben, auch wie wir, stundenlang vor dem Fernseher sitzen und sich das Nachmittagsprogramm anschauen könnte, ohne intellektuellen Schaden zu nehmen. Dabei würde er durchaus auch ein Mikrowellenfertiggericht nicht verschmähen.
George A. Romero drehte im Jahre 1968 mit "Night of the Living Dead" einen der ersten und einflußreichsten Zombiefilme, wobei er größtenteils mit Laienschauspielern und vielleicht auch dem ein oder anderen waschechten Zombie arbeitete. Gedreht wurde mit geringen Mitteln an Wochenenden und fast gänzlich ohne Spezialeffekte, was diesem Film für mich eine eigenartige Authentizität verleiht, die sich schlecht mit dem vor Logikbrüchen strotzenden Drehbuch und den teilweise sehr eindimensionalen Charakterzeichnungen vereinbaren läßt, dies aber eben tut.
Infolge eines in der Erdatmosphäre explodierten Forschungssatelliten wurde eine radioaktive Substanz vom Planeten Venus freigesetzt, die die Gehirne kürzlich verstorbener Menschen stimuliert und die Leichname dazu bringt, auf Jagd nach Menschenfleisch zu gehen. Eine Gruppe Überlebender verschanzt sich in einem kleinen Haus, das recht schnell von den Zombies umzingelt wird. Einer nach dem anderen fällt den fidelen Fleischfressern zum Opfer, und als Ben, der letzte Überlebende der Gruppe, am nächsten Morgen nach langer Belagerung durch die Zombies aus dem Fenster schaut, wird er von einer Horde Rednecks, die unter Leitung des örtlichen Sheriffs auf Monsterjagd geht, für einen Untoten gehalten und erschossen.
Hört sich doof an, ist es aber nicht! Romero schafft es, die Lügen und Halbwahrheiten, aus denen die US-amerikanische Politik seiner Zeit ihre Rechtfertigungen bezog, mehr oder minder subtil einer ätzenden Kritik zu unterziehen. Der Mythos der Familie als eines integren und harmonischen Mikrokosmos, als Hort von Werten und Keimzelle der Gesellschaft beispielsweise trifft in Romeros Film auf die Coopers - und überlebt es nicht. Harry, der Vater, entpuppt sich schnell als ein rückgratloser Feigling, der nur an sein eigenes Wohl denkt, und Judith, die Tochter der Coopers, mutiert zu einem Zombie, der seine eigene Mutter ersticht und den Kadaver seines Vaters verspeist. Auch Barbra, die Heldin des Filmes, wird von ihrem eigenen Bruder, der ihr als Untoter entgegentritt, getötet.
Auch die Medien werden von Romeros Kritik nicht verschont. Die Gestrandeten informieren sich über die nationale Notlage aus dem Fernsehen, wo man die Bevölkerung dazu aufruft, sich zu bestimmten Sammellagern durchzuschlagen. Unter unseren Helden befindet sich auch ein junges Liebespaar, und als die junge Frau ihren Geliebten fragt, ob es wirklich klug sei, den Schutz des Hauses zu verlassen und sich einen Weg durch das Zombieheer zu bahnen, sagt ihr Freund sinngemäß etwa: "Ich weiß es nicht. Aber im Fernsehen sagt man, wir sollten es versuchen." In einer Situation, in der es um Leben und Tod geht, hört man natürlich gern aufs Fernsehen, und so ist es denn eine beruhigende Gewißheit, daß der größte Teil der Realität - "Wir bekommen ein Baby", "Wir bauen unser Traumhaus", "Wir streiten uns mit unseren Nachbarn", "Wir beerdigen unseren Wellensittich im Garten", "Wir legen uns besoffen mit der Polizei an" - heutzutage im Fernsehen stattfindet. Ach ja, die beiden Liebenden kommen bei dem Versuch, den Ratschlag des Nachrichtensprechers umzusetzen, bei einer Explosion des Autos um, und die Zombies haben endlich auch mal ein wenig Grillfleisch.
Offensichtlich ist auch Romeros Anklage gegen den Vietnamkrieg. Die Meute von Männern, die zusammen mit dem schießwütigen Sheriff auf Zombiejagd geht, weckt unangenehme Assoziationen, und das "Shoot 'em in the head", das der Sheriff vollmundig den Reportern anrät, erinnert an Curtis LeMays "Let's bomb them back to the stone age", das Romero zu jener Zeit freilich wahrscheinlich noch nicht kennen konnte. Besonders unangenehm berühren den Zuschauer die Schlußbilder des Filmes, in denen wir auf grobkörnigen Photos sehen, wie Ben von den Rednecks mit Fleischerhaken auf einen Leichenberg gezerrt wird, während im Hintergrund das Geräusch eines Hubschraubers - eines der Sinnbilder des Vietnamkrieges - erklingt.
Um es kurz zu machen, Romeros "Night of the Living Dead" ist nicht weniger als ein Meisterwerk, und auch jeder, der nicht unbedingt auf Zombiehorror abonniert ist, sollte sich diesen Klassiker ansehen.
* Dies ist k e i n e hundertprozentige Tautologie!